Hauptteil – 2. Kapitel: Schattenspiel (1)
Kaum eine Woche nach der Auseinandersetzung mit ihren Eltern standen Emmas Koffer fertig zur Abreise auf dem Bahnsteig. Es war ein naßkalter, wolkenverhangener Tag. Eine dünne Schicht von Schnee lag, unentschlossen, ob er zu schmelzen beginnen sollte oder nicht, auf den Bürgersteigen.
Mr. und Mrs. Clock hatten ihre Tochter mitsamt dem kleinen Kaktus auf ihrer Schulter zum Bahnhof gebracht. Emmas Mutter warf einen unruhigen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie war in Eile, denn für diesen Morgen hatte sie eine große Operation geplant. Es würde ihr keine Zeit bleiben, die Ankunft des Zuges abzuwarten, der ihre einzige Tochter nach Rumänien bringen sollte. Mit Tränen in den Augen sagte sie Emma, die ihre Mutter keines Blickes würdigte, Lebewohl. Desto inniger verabschiedete sich das Mädchen von seinem Vater, der sich bemühte, seiner Tochter für die lange Reise in das fremde Land Mut zuzusprechen. Doch die wohlgemeinten Worte des Vaters schienen ungehört von Emma abzuprallen. Sie verstand noch immer nicht, was mit ihr geschah. Und sie fühlte sich im Stich gelassen. Emma war die ständigen Streitereien leid, doch sie sah nicht ein, daß die vorläufige Trennung der Eltern Grund genug sein sollte, sie einfach fortzuschicken. Das Mädchen fragte sich, ob noch etwas anderes dahinter steckte. Emma verließ ihre vertraute Umgebung nur ungern. Was würde sie im fernen Rumänien erwarten? Sie hatte gelesen, daß es der Legende nach in Rumänien Vampire und allerlei düstere Schattenwesen gab. Die Vorstellung, einem dieser Blutsauger zu begegnen, war nicht gerade ermutigend. Auch war ihr die Landessprache fremd, und selbst mit ihrer Großmutter verband Emma nur eine vage Erinnerung.
Die Eltern wünschten ihr zum Abschied viel Glück. Als sie den Bahnsteig verlassen hatten, blieb das Mädchen traurig zurück. Den Kopf voller wehmütiger Gedanken beobachtete Emma den stillen Tanz der sacht zur Erde rieselnden Schneeflocken. So wartete das Mädchen am Bahnsteig zu Gleis 13 auf den Transsylvanien-Expreß. Nach einer Weile brach Paddy das Schweigen: »Emma, du hättest dich von deiner Mutter verabschieden sollen. Sie hat dich doch lieb, bestimmt!«
»Wozu? Sie war in Eile. Immerhin ist sie eine bedeutende Ärztin und trägt eine große Verantwortung. Ihre Patienten würde sie niemals warten lassen. Die Arbeit ist ihr Leben. Die Arbeit ist ihr wichtiger als alles andere. Wichtiger als ich«, antwortete Emma trotzig.
»Das glaube ich nicht«, widersprach Paddy, der es sich auf Emmas Schulter gemütlich gemacht hatte. »Deine Mutter versucht, nach Kräften für die Familie zu sorgen, nun, da dein Vater so krank geworden ist. Es ist ein Glück, daß sie eine gutbezahlte Arbeit hat. Das ist nicht selbstverständlich, heutzutage! Wirklich, Emma, du hättest ihr ›auf Wiedersehen‹ sagen sollen. Wer weiß, wie lange wir in Rumänien festsitzen. Nein, das war nicht recht von dir.«
»Ich möchte jetzt nicht länger darüber nachdenken, Paddy. Laß uns bitte vorerst nicht mehr von meiner Mutter sprechen, hm?« sagte Emma und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.
Paddy bemerkte die Tränen in Emmas dunklen Augen und schwieg. Wenige Minuten später ertönte eine sachlich klingende, männliche Stimme aus den Lautsprechern, die überall auf dem Bahnhofsgelände angebracht waren: »Achtung, Reisende nach Rumänien! Auf Gleis dreizehn fährt ein der Transsylvanien-Expreß von Hamburg nach Bucuresti über Würzburg, München, Linz, Wien, Budapest, Hermannstadt – letzter Halt ist Bucuresti Nord. Bitte Vorsicht an der Bahnsteigkante!«
Emma blickte in Richtung des sich nähernden Zuges. Für einen Moment schien es, als zwinkere ihr die Lokomotive aus ihren großen, hellen Scheinwerfern aufmunternd zu. Ächzend, zischend und schnaubend wie ein Streitroß kam der Zug schließlich zum Stehen. Reisende drängten über die Treppen auf den Bahnsteig. Einige unter ihnen schienen eine sonderbare Hektik zu verbreiten. Sie stoben ziellos und wirr auseinander, als wüßten sie nicht, wohin. Andere steuerten, geradlinig und ohne zu zögern, eine der geöffneten Türen an.
Aufmerksam musterte Emma die Reisenden. Manche sahen aus wie hilflos Suchende. Blutleer irrten sie durch das Gedränge. Eine ohnmächtige Anspannung zeichnete ihre hageren Gesichter. Emma schauderte. Die bizarren Gestalten waren totenblaß; lediglich ein zarter, kaum wahrnehmbarer, blauer Schimmer überdeckte ihre verknöcherten Gesichtszüge. Sie wirkten wie Schatten ihrer selbst.
Unvermutet löste sich ein uniformierter Mann aus der Menge. Er kam zielstrebig auf Emma zu und fragte: »Fräulein Emma Clock?«
Das Mädchen zuckte zusammen. Doch sogleich bemerkte Emma die gesunde Gesichtsfarbe des kleinen, dicklichen Gepäckträgers. Seine Wangen waren rundlich und angenehm gerötet. Sein freundliches Lächeln wirkte arglos und aufmunternd.
»Ja?« sagte Emma.
»Dein Vater hat mich beauftragt, das Gepäck für dich ins Abteil zu bringen. Möchtest du nicht einsteigen und dir einen schönen Fensterplatz sichern?«
»Nicht nötig, ich habe eine Platzreservierung«, gab Emma zur Antwort.
»Laß mal sehen.« Der Gepäckträger beugte sein rundliches Gesicht über Emmas Fahrkarte. »Hm, hm. Platz 8, Abteil 13, Abschnitt E. Hm, das ist ganz hinten. Folge mir!«
Emma ergriff ihre Reisetasche, sodann folgte sie dem dicklichen Mann bis zum Ende des Zuges und ließ sich beim Einsteigen von ihm helfen. Das Abteil mit der Nummer 13 lag im allerletzten Waggon. Der Träger verstaute Emmas Gepäck und wünschte ihr eine gute Reise. Kaum war er verschwunden, nahm Emma ihren stacheligen Freund von der Schulter und bettete ihn mitsamt seinem Reisetöpfchen auf einen der leeren Plätze.
Etwas an diesem Zug war merkwürdig. Von außen betrachtet, glich er einer hochmodernen Eisenbahn. In seinem Inneren jedoch sah er aus wie ein uraltes, liebevoll restauriertes Spielzeug. Die Einrichtung entsprach dem Stil der zwanziger Jahre. Im letzten Waggon gab es ausschließlich geschlossene Abteile mit Gardinen an den Innentüren. Emma plazierte sich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Es war noch früh am Morgen, und als der Zug sich in Gang setzte, dauerte es nicht lange, bis sie, mit Paddy an ihrer Seite, eingeschlafen war.
Nach einer Weile war ihr, als habe sie ein Geräusch gehört. Im Halbschlaf sah sie eine hagere, schattenhaft vor sich hin murmelnde Gestalt auf dem Gang vorüberhuschen. Emma blinzelte schläfrig. Wenig später war ihr, als werde die Tür ihres Abteils zur Seite geschoben. Eine schwarzhaarige Frau steckte den Kopf zur Tür herein, blickte sich suchend um, und sagte: »Oh, entschuldige, Emma. Ich wußte nicht, daß du eingeschlafen warst.«
Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, zog die Frau ihren Kopf wieder zurück, die Tür fiel ins Schloß, und die Erscheinung war verschwunden. Verwirrt rieb Emma sich die Augen. Woher kannte diese mysteriöse Frau ihren Namen? Seltsam. Oder träumte sie?
Endlich, es war schon fast Mittag, da erschien der Zugschaffner und verlangte Emmas Fahrkarte zu sehen. Er war ein freundlicher, älterer Herr mit silbergrauem Haar und dunklen Knopfaugen.
»Na, meine Kleine? Da bist du wohl ganz allein auf deiner Reise?« sagte er in großväterlichem Ton.
»Nein«, erwiderte Emma ernst und deutete auf den Platz neben dem ihren, wo Paddy es sich in seinem Reisesandtöpfchen gemütlich gemacht hatte.
»Oh, verstehe«, nickte der Mann, der tatsächlich überhaupt nichts verstand, »und hast du auch eine Fahrkarte für deinen kleinen Freund?« Als Emma mit ernster Miene den Kopf schüttelte, fügte er hinzu: »Ach, da habe ich wohl etwas verwechselt. Warte mal.« Der Schaffner machte ein angestrengtes Gesicht, während er aus seiner großen, schwarzen Tasche einen Stapel wichtig aussehender Papiere und Tabellen hervorkramte. »Hm«, brummte er.
Sogleich begann er, in den Tabellen zu wühlen und geschäftig mit den Papieren zu rascheln. Nach einer kleiner Weile zog er die Stirn in Falten und sagte: »Ah, da haben wir’s ja. Vorschrift 1362 §§6-8c: »Kleine grüne Gesellen dürfen an Freitagen ohne Fahrschein reisen, sofern sie in Begleitung junger Damen sind – aber nur, und das ausschließlich, an ungeraden Tagen. Hm, hm, hm.« Er zog seine buschigen Augenbrauen in die Höhe. »Nun, kleine Dame, welchen Tag haben wir denn heute?«
»Heute ist Freitag, der dreizehnte Januar«, sagte Emma gelassen. Mit ihren dunklen, tiefblauen Augen blickte sie ihr Gegenüber ernsthaft und fast ein wenig mitleidig an.
»Nun, da haben wir ja noch mal Glück gehabt!« rief der Schaffner erfreut aus.
»Das ist kein Glück«, entgegnete Emma mit unveränderter Miene. »Fahrscheine werden von Menschen gemacht. Menschen benötigen Fahrscheine, um sich in Zügen und Flugzeugen fortzubewegen. Pflanzen hingegen brauchen keine Fahrscheine.«
»Sondern?« fragte der Silbergraue interessiert.
»Den Wind, das Wasser oder: Menschen. Außerhalb ihres natürlichen Lebensraumes benötigen Pflanzen Menschen, um sich fortzubewegen. Menschen graben Pflanzen aus der Erde und bringen sie an fremde Orte. Pflanzen brauchen keine Fahrscheine. Sie benutzen Menschen wie Naturkatastrophen, um an ferne Orte zu gelangen«, bekundete Emma, als verstehe sich diese Antwort von selbst.
»Du bist ein erstaunliches Mädchen«, bemerkte der Schaffner, dem offensichtlich nicht aufgefallen war, daß Emma sich ein wenig über ihn lustig machte. »Viel Glück auf deiner Reise!« fügte er hinzu und verschwand.
»Ich hab’ Hunger«, gähnte Paddy, der gerade aufwachte, als die Tür ins Schloß fiel. Emma holte ein Paket mit Butterbroten und eine Thermosflasche mit heißem Kakao aus ihrer Reisetasche hervor und stellte alles auf den kleinen Klapptisch unter dem Fensterbrett.
»Und ich? Und ich?« quengelte Paddy, während Emma lächelnd in ihrer großen Tasche nach der Dose mit den Sandkuchen fischte, die sie heimlich zu Hause eingepackt hatte. Paddy war nämlich ganz versessen auf Sandkuchen. Ja, da war die Kuchendose. Emma würde ihm später, sobald er sich ein wenig beruhigt hatte, ein Stückchen geben. Jetzt war er hellwach und hüpfte aufgeregt auf seinem Sitz auf und ab.
»Setz mich hoch, setz mich ans Fenster!« forderte der kleine Kaktus. »Ich möchte aus dem Fenster sehen!« Geduldig hob Emma Paddy mitsamt seinem Reisetöpfchen auf den begehrten Fensterplatz. Die vorüberziehenden Landschaften versetzten den kleinen Kaktus in unbändige Begeisterung. Er drückte sich die Stacheln an der Scheibe platt, um bloß nichts zu verpassen. Und auch Emma hatte ihre Freude an Paddys Reiselust. Während er fasziniert seine nahen und fernen Verwandten aus der botanischen Welt begrüßte und ihnen von seinem Platz aus zuwinkte, verzehrte Emma in aller Ruhe ihre Brote. Unterdessen dachte sie über die Zukunft nach. Sie war gespannt auf ihre Großmutter, die ein Geheimnis zu umgeben schien. Als kleines Mädchen hatte sie oft nach ihrer Grandma gefragt, doch zumeist war sie mit einer knappen Antwort abgefertigt worden, oder die Eltern hatten rasch das Thema gewechselt. So kam es, daß Emma beinahe nichts über sie wußte.
Wenig begeistert war Emma über die Aussicht, ein Internat zu besuchen. Sie sprach kein Wort rumänisch – wie sollte sie da dem Unterricht folgen? Auch die Sitten und Gebräuche des Landes waren ihr fremd. Emma seufzte, während Paddy am Fenster auf- und abhüpfte und ausgelassen winkte. Nachdem Emma ihren kleinen Imbiß beendet hatte, kramte sie den Sandkuchen aus der mitgebrachten Dose hervor.
»Paddy?« lockte sie leise. »Paddy? Sieh doch mal, was ich hier haaabe!« Paddy wandte sich ihr zu und schnüffelte. Neugierig hüpfte er aus seinem Topf hinaus, vom Fensterbrett hinunter direkt auf Emmas Schoß. Emma hielt die Dose mit dem köstlichen Sandkuchen hoch in die Luft, damit Paddy den Inhalt nicht sehen konnte.
»Was ist das? Zeig schon! Das riecht nach … Ooooooh! Sandkuuuuchen!« Emma senkte ihren Arm und ließ Paddy die Kuchendose mit seinen stacheligen Händen greifen. Er fischte sich das größte Stück heraus und steckte es genüßlich zwischen seine goldgelben Kiefer.
»Ooooh!« schmatzte er genüßlich. »Welch ein Hochgenuß! Oh! Welch ein Labsal! Oooooooh!«
»Süß, wie du übertreibst, Paddy!« lächelte Emma und blickte aus dem Fenster. Das sanfte Scheppern des Zuges stimmte sie wehmütig. Die Vergangenheit glitt an ihr vorüber, während sie in Gedanken versunken ihre Gefühle zu ordnen versuchte. Tief in ihrem Inneren brannte sie darauf, ihre geheimnisumwitterte Grandma endlich kennenzulernen. Sie kannte ihre Großmutter väterlicherseits nur aus den wenigen, sehr vagen Erzählungen ihres Vaters. Selbst in Schottland, der Heimat ihres Vaters, sprach man nicht viel von ihr, so schien es. Tallulah Clock war so etwas wie das »Schwarze Schaf« der Familie. Immerhin hatte Emma gehört, daß ihre Großmutter als junge Frau ein zügelloses Leben geführt habe. Zahlreiche Affären mit einflußreichen Männern sagte man ihr nach, bis sie eines Tages ihren späteren Ehemann kennenlernte und die schottische Heimat Hals über Kopf verließ, um mit ihm nach Rumänien zu gehen. Aus unerklärlichen Gründen schien man in der Familie Clock nicht gern über sie zu sprechen.
Emma ließ den Blick in die Ferne schweifen, und mit einem Mal war ihr, als gleite alle Zeit der Welt an ihrem Fenster vorüber. Eine ernstliche Furcht vor dem Wiedersehen mit ihrer Großmutter empfand sie nicht. Und doch verspürte sie ein ungutes Gefühl, das wie eine gesichtslose Vorahnung von ihr Besitz ergriffen hatte. Doch mit jeder flüchtigen Minute fühlte sich Emma ruhiger und entspannter, vielleicht sogar ein wenig erwachsener. Sie ließ ihren Gedanken freien Lauf. Was auch immer sie dort, im fremden Transsylvanien, erwartete, sie würde damit fertig werden. Vielleicht würde sie sogar neue Freunde gewinnen …
Bald war das Mädchen eingeschlafen. Der Zug aber eilte unaufhaltsam einer nicht meßbaren Zeit entgegen. Als Emma die Augen wieder öffnete, hatte sich der Himmel verdunkelt. Sie hatte tatsächlich den halben Tag verschlafen. Im Halbdunkel zog eine Gruppe gigantischer Wolkenformationen vorüber. Gemächlich schwebten sie über die schneebedeckte Landschaft hinweg. Mit verschlafenem Blick folgte Emma dem schattenhaften Himmelsgrau, als sich plötzlich in einem der luftigen Kolosse ein unheimliches Augenpaar formte. Gebannt beobachtete Emma das himmlische Schauspiel. Kurz darauf waren Nase, Mund und die Konturen eines uralten Gesichts zu erkennen. Emma wurde seltsam leicht zumute, als das himmlische Grau zu sprechen begann:
Es gleitet dahin, durch Trug und Wind,
das Magische Mädchen, noch ist es blind!
Das Dunkel weicht, die Zeit verrinnt,
eile dich, Mädchen, eile geschwind!
Wieder und wieder hauchte die heisere Stimme ihre Verse der untergehenden Sonne entgegen. Emma nahm ihre Umgebung wie durch einen dünnen Schleier wahr. Träumte sie? Kaum mehr vermochte sie zwischen Traum und Wachzustand zu unterscheiden. Doch ehe sie weiter nachgrübeln konnte, breitete ein tiefer, traumloser Schlaf seine Arme um sie.
Allmählich ließ sich das sterbende Abendrot von einem undurchdringlichen Grau verschlingen, das dem Zug widerstrebend Platz zu machen schien. Je näher der Zug seinem Ziel rückte, desto zäher wurde die dunstige Masse grauer Nebelschwaden, die sich unheilvoll und bedrohlich um den Zug sammelte. Emmas traumloser Schlaf wandelte sich mehr und mehr in einen nebulösen Wachtraum. Mit geschlossenen Augen blickte das Mädchen hinab auf sich selbst. Es sah die eigene Gestalt schlafend mit Paddy an der Seite auf den Polstern des altmodischen Zugabteils kauern, während eine nebelhafte Armee der Finsternis durch die wolkenschweren Lüfte patrouillierte.
Ungewöhnlich war, daß Emma keinerlei Angst verspürte. Mit ruhigen, regelmäßigen Atemzügen, wie hypnotisiert, beobachtete sie sich selbst inmitten jenes bizarren Schauspiels am Rande der Wirklichkeit: Die Vorhänge an der Tür zum Innengang waren beiseite geschoben. Es war totenstill. Mit bleiernem Schweigen schien die Nacht Einzug zu halten. Kein Geräusch war zu hören. Paddy, der gewöhnlich laut schnarchte, ruhte friedlich auf seinem Sitz. Auch der Zug machte kein Geräusch – kein Scheppern, kein Rattern, kein Ächzen, nicht einmal ein leises Surren vermochte die neblige Stille jener traumhaften Wirklichkeit zu durchdringen. Lautlos, ohne die geringste Erschütterung, glitt der Zug durch das lebendige Schwarz hindurch immer tiefer und tiefer hinein in das Schattenwerk der Zukunft.
Da, plötzlich, löste sich eine schemenhafte Gestalt aus dem Dunkel. Im Vorüberhuschen spähte die Erscheinung durch die geschlossene Glastür in Emmas Abteil. Dann verschwand sie in das neblige Nichts, aus dem sie gekommen war. Wie elektrisiert starrte Emma in die Schwärze des Ganges, der sich hinter der gläsernen Tür auftat. Da, wieder glitt eine graue Gestalt vorüber. Es schien, als bewegten sich jene unheimlichen Wesen in einer Art von Schwebezustand, halb gehend, halb gleitend, durch die zähe, feuchtschwere Luft.
Da! Wieder löste sich eine Gestalt aus dem Nebel. Ihre Umrisse verdichteten sich, und bald erkannte Emma einen schmalgesichtigen Mann mit Schirm und Melone. Die gläserne Tür glitt beiseite. Im Vorübergehen murmelte der Fremde mit besorgter Miene: »Die Zeit! Die Zeit! Ich habe sie verloren. Ich habe die Zeit verloren. Ohne meine Zeit bin ich auf ewig verloren!« Dabei fuchtelte er wild mit seinem Schirm, als kämpfe er gegen unsichtbare Gegner. Dann verschwand er in der Dunkelheit. Die Zeit verloren? Was hatte er nur damit gemeint?
Sekunden später schwebte eine majestätisch gekleidete Dame daher. Ihre altmodischen Gewänder knisterten und raschelten bei jeder Bewegung. Das kindlich wirkende, weich geschwungene Gesicht der Frau wurde durch ein prachtvoll drapiertes Geflecht aus fülligem, schwarzem Haar umsäumt. Ihr Kleid war aus purpurfarbenem Samt gearbeitet und mit aufwendigen Stickereien verziert. Ein mit weißen Rüschen besetzter Stehkragen umrahmte ihr hoheitsvolles Gesicht. Ihre schmale Taille wurde durch die Weite eines glockenhaft über ihre Hüften fallenden Rockes zusätzlich betont. Die Frau murmelte einige, beinahe unverständliche Worte vor sich hin: »Wo ist der Torwächter? Wo ist der Torwächter? Ich muß zurückkehren!«
Dann, wieder waren einige Sekunden verstrichen, glitt ein schwarzhäutiger Mann mit einem mächtigen, weißen Turban, der beinahe so groß war wie sein Bauch, an Emmas Tür vorbei. Er flüsterte hektisch: »Der Torwächter ist tot! Der Torwächter ist tot! Der Fluch des Thanatos hat ihn eingeholt!« Emma rieb sich verwundert die Augen. Sah sie Gespenster? Wer waren all diese Gestalten? Waren es Menschen oder bloße Abbilder von Menschen? Woher waren sie gekommen? Und was bedeutete das?
Schon sah Emma die nächste Gestalt an ihrem Abteil vorübereilen. Es war ein junger Mann mit wilden, blonden Locken und stahlblauen Augen. Auch er war ein Gejagter: »Das Fenster! Wo ist das Fenster? Ich muß zurückfinden, ehe der Tag anbricht! Sonst bin ich verloren! Ich muß den Weg finden! Wo ist das Fenster?«
Unterdessen preschte der Zug unaufhaltsam weiter durch das nebulöse Grau. Ein eiskalter Windhauch fegte die Tür ins Schloß. Emma war irritiert. Ungläubig betrachtete sie ihr schlafendes Selbst. Wie war das möglich? Es war doch nur ein Traum! Träume waren nicht wirklich, nicht real! Oder vielleicht doch?
Paddy schlief ruhig und friedlich. Eine Weile trug der Zug das träumende Mädchen stumm durch die inzwischen tiefschwarze, unheilverkündende Nacht. Plötzlich wurde die Abteiltür zur Seite geschoben. Da stand, wie aus grünem Nebel gegossen, der schlafende Paddy. Er schien kein bißchen verwirrt oder gar müde zu sein. So stand er in der Tür, während sein kleiner Körper schlafend auf dem Sitz neben Emma ruhte. Unbekümmert begann er zu sprechen: »Hey, Emma! Wach auf! Wir sind gleich da! Hier ist was los, sage ich dir! Lauter merkwürdige Leute habe ich auf dem Gang getroffen. Aber die haben mich nicht mal beachtet. Als wäre ich Luft, so sind die Erscheinungen an mir vorbeigerannt! Unhöfliche Gesellen! Wach auf! Hey, Emmaaaaa!«
Paddy schien aus Leibeskräften zu brüllen, und mit einem Mal wurde Emma wie ein Geist, der in Blitzesschnelle in seine Flasche zurückfährt, in ihren erwachenden Körper zurückgezogen. Für Sekunden war ihr von dem betäubenden Sog, der sie mit Macht überwältigt hatte, schwarz vor Augen.
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- Veröffentlicht:
- Dezember 7, 2008 / 1:44 pm
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- Terra lucida - Hauptteil (1. Buch)
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