Hauptteil – 2. Kapitel: Schattenspiel (2)

Unlängst hatte der Transsylvanien-Expreß die letzte Grenze zwischen Ungarn und Rumänien hinter sich gelassen. Weiter ging die Fahrt nach Osten. Emma kam langsam zu sich. Schlaftrunken blickte sie umher. Endlich schien sie den ungeduldig an ihrem Ärmel zupfenden Paddy zu bemerken.

»Hey, Schlafmütze!« rief er aus. »Wir sind bald da! Gerade haben wir Curtici passiert! Das hast du natürlich verschlafen!«

»Oh, mir ist ganz schwindelig. Wie spät ist es denn?« Emma unterdrückte ein kleines Gähnen.

»So ungefähr halb acht«, schätzte Paddy.

»Was?!« Emma schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Doch nicht etwa halb acht Uhr morgens??«

»Irgendwie schon«, sagte Paddy zögerlich.

»Meine Güte, dann habe ich ja den ganzen Tag und die komplette Nacht verschlafen!«

»Du warst müde«, wiegelte Paddy ab. »Aber jetzt bist du ja wach, und da könntest du mir einen frischen Sandkuchen aus dem Speisewagen holen!

»Sonst noch etwas?« frotzelte Emma, während sie sich ausgiebig räkelte und streckte.

»Im Moment nicht«, sagte Paddy, »aber ich lasse es dich wissen, falls mir noch etwas einfällt.« Er setzte ein freches Grinsen auf und verschränkte die Arme vor seinem stacheligen Leib.

»Dann bis später«, sagte Emma, stand auf, ging zur Tür und schob sie beiseite. Doch kaum war sie hinaus auf den Gang getreten, da wurde sie von einer heftigen Böe erfaßt und sogleich in das Abteil zurückkatapultiert. Sie wurde unsanft zu Boden geschleudert, und die Tür rutschte mit Wucht ins Schloß. Mit einem Sturm im Inneren des Zuges hatte sie wahrhaftig nicht gerechnet. Irritiert richtete sich das Mädchen auf.

»So schnell zurück?« spottete Paddy. »Naja, wo du schon mal da bist, könntest du mich gleich zurück aufs Fensterbrett setzen!«

Emma schüttelte sich ein Rosenblatt aus dem Haar, während sie den Schmutz, den der Wind herbeigetragen hatte, aus ihrer Kleidung klopfte.

»Bitte sehr, mein Herr!« Sie hob den Kaktus sanft von der Sitzbank auf und gab ihm auf Höhe des Fensterbretts einen kleinen Schubs. »Ist auch besser, wenn du hier oben bleibst. Falls in meiner Abwesenheit jemand das Abteil betritt, kannst du ihn jedenfalls nicht in den Hintern pieksen wie Tante Kunigunde!«

»Bleib nicht zu lange weg, sonst schlag’ ich hier Wurzeln!« brummte Paddy.

Emma warf ihrem Freund ein letztes Augenzwinkern zu. Dann schob sie die Tür zum zweiten Mal beiseite und trat hinaus auf den Gang. Mit einem lauten Scheppern fiel die Tür hinter ihr ins Schloß, und sie war allein. Tausende schwarzer Rosenblätter wirbelten durch den Zug, und in der Luft lag ein Geruch von Verwesung, der das Mädchen erschauern ließ. Emma hatte Mühe, dem Sturm standzuhalten. Ihr Haar wirbelte wild durcheinander, und sie mußte sich an der Wand abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als Emma den Blick zum Ende des Zuges wandte, blies ihr der Wind so heftig ins Gesicht, daß ihre Augen zu tränen begannen. Sogleich drehte sie sich wieder in Fahrtrichtung und ließ sich von der Gewalt des Sturmes vorwärts treiben. Bald hatte sie den ersten Balg* erreicht.

Dort angelangt, drückte sie die Schiebetür mit äußerster Kraftanstrengung beiseite und zwängte sich hindurch. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß. Im Inneren der Schleuse endlich, herrschte Windstille! Emma strich sich das Haar aus dem Gesicht. Nach einer kleinen Verschnaufpause zwängte sich das Mädchen durch die gegenüberliegende Schleusentür geradewegs in den nächsten, von aufwirbelnden Rosenblättern durchströmten Gang. Der Wagon, den sie nun betreten hatte, war weiträumig und leer wie ein Wohnzimmer, dem das Mobiliar fehlte. Es gab keine Abteile oder andere Unterteilungen. Lediglich über dem massiven Holzboden lag ein großer, schwerer orientalischer Teppich. Der Mittelgang war gesäumt von leichten Vorhangstoffen, die in schwerelosem Blau, wie durchsichtig, von der Decke herabfielen. Sie wirbelten und tanzten zur Melodie des Sturmes. Dabei bildeten sie Gesichter und Konturen, als seien sie beseelte Wesen aus eine anderen Welt. Die Fenster aber waren mit schwerem Brokat verhüllt, so daß dem Mädchen der Blick auf die Landschaft außerhalb des Zuges verwehrt blieb. Am anderen Ende des Wagons erblickte Emma eine schwarz gekleidete Gestalt. Sie war von gedrungener Statur, und die Kapuze ihres Umhanges hing ihr tief ins Gesicht. Als Emma sich ihr langsam näherte, eilte die Gestalt auf die nächste Schleuse zu und verschwand kurz darauf aus ihrem Blick.

Das Mädchen wandte sich nach rechts und schob den Brokatvorhang eines der Fenster zur Seite. Zu Emmas größter Verwunderung war es draußen vollkommen windstill; kein einziges Lüftchen regte sich in den Baumwipfeln. Merkwürdig war, daß alle Fenster mit blauen, maschendrahtähnlichen Gittern verkleidet waren und auf diese Weise das Zuginnere von der Außenwelt abzuschirmen schienen. In Abteil Nummer 13 hatte Emma die blauen Fenstergitter nicht bemerkt. Sie fragte sich, ob eine solche Sicherung dazu diente, die Fahrgäste vor dem Herausfallen zu bewahren? Oder sollte der Gitterschutz etwas oder jemanden davon abhalten, durch die Fenster hindurch in den Zug einzudringen? Das Mädchen kämpfte sich weiter durch Sturm und Wind, bis hin zum nächstgelegenen Fenster. Auch hier bildete das blaue Gitternetz die Barriere zwischen Innen- und Außenwelt. Emma schaute hinaus. Plötzlich wurde sie auf einen aus großer Entfernung sich rasch nähernden, drachengleichen Vogel aufmerksam. Seine Flügel schienen von beträchtlicher Spannweite zu sein. Emma überlegte, was wohl geschehen möge, falls sie eines der Fenster öffnete? Würde der Sturm, der noch immer unbarmherzig durch den Zug tobte, zum Fenster hinaus entweichen? Einen Versuch war es wert. Das Mädchen entriegelte eines der Fenster und schob es nach unten. Tatsächlich! Der Sturm, der ein Gefangener des Zuges gewesen zu sein schien, stürzte sich durch das Fenster hindurch ins Freie. Der starke Sog, hervorgerufen von den aus ihrem Gefängnis entfliehenden Winden, drohte, Emma mit sich zu reißen und sie aus dem Zug zu schleudern. Doch sie klammerte sich verbissen an einen der Haltegriffe. In Sekundenschnelle hatte der entfesselte Sturm seinen Weg in die Freiheit gefunden, und mit einem Mal war der Spuk vorbei.

Emma atmete schwer, und ihr Brustkorb bebte, als sie ihren Griff lockerte und sich vom Fenster abwandte. Unvermutet sah sie ihn: ein prachtvoller, schwarzer Panther lauerte in gebückter Haltung, die Muskeln wie zum Sprung angespannt, direkt vor ihren Augen. Das herrliche Tier blickte dem Mädchen aus seinen unergründlichen, tiefblauen Augen entgegen. Über seinem Fell lag ein unwirklich blauglänzender Schimmer, und seine mächtigen Muskeln spannten sich unter der geschmeidigen Haut, während das Tier Emma fixierte. Das Mädchen war erstarrt. Die große Katze aber, die sich inmitten des wütenden Sturmwinds unbemerkt hatte nähern können, hob drohend die Lefzen. Emma sah ein Paar weißer Fangzähne im Oberkiefer des halb geöffneten Maules der großen Katze aufblitzen.

Einmal mehr schien sich eine dämonische Totenstille über den Zug gelegt zu haben. Nicht einmal die ratternden und scheppernden Fahrgeräusche waren mehr zu hören. Der schwarze Panther hob den Kopf, als nähme er Witterung auf. Schon glaubte Emma, daß es nun um sie geschehen sei. Da wandte sich das Tier für einen Augenblick von ihr ab, um in der nächsten Sekunde herumzuschnellen und zum Sprung anzusetzen. Emma zuckte zusammen. Sie schloß die Augen. Nun war es soweit: das prächtige Tier würde sie jetzt und hier in Stücke reißen! Sie würde von dieser Reise nicht zurückkehren und ihre Eltern, Paddy und Pepperoni niemals wiedersehen!

Eine schier »unendliche« Sekunde verstrich, bis Emma einen Lufthauch über ihren Körper gleiten spürte. Gerade noch rasch genug hatte sie die Augen wieder geöffnet, um den Panther mit gestrecktem Körper an sich vorbei, durch das vergitterte Fenster hindurch, aus dem Zug springen zu sehen. Im selben Augenblick, als der Panther das Gitter berührte, schien der schwarzblaue Schimmer seines Fells mit den changierenden Maschen des blauen Netzes zu verschmelzen, und das prachtvolle Tier löste sich buchstäblich in Luft auf.

Emma stürzte zum Fenster, doch da war – nichts! Der Panther war verschwunden. Emma wollte das Gesicht an die Maschen des Gitters pressen, doch es leistete keinerlei Widerstand. Sie konnte ihren Kopf ungehindert zum Fenster hinausstrecken und aus dem Zug schauen. Unter ihrem Blick taten sich die wundervollsten Felder, Wiesen und Wälder auf, doch es gab keine Spur von der Raubkatze, deren Atem sie eben noch hautnah gespürt hatte. Gerade, als das Mädchen seinen Kopf in das Innere des Zuges zurückgezogen hatte, da kam ein winziger, silberner Schmetterling herbeigeflattert. Die Luftströmungen und Turbulenzen außerhalb des fahrenden Zuges schienen ihn in seinem Fluge nicht zu behelligen. Er nahm unbeirrbar Kurs auf das Fenster, durch das soeben der Panther ins Nichts entsprungen war.

Plötzlich bemerkte Emma ein Geräusch wie von mächtigen Flügelbewegungen. Schon wollte sie ihren Kopf erneut durch die Maschen des Lichtnetzes hindurchstecken und ins Freie sehen, da flatterte der Schmetterling durch die blaue Barriere in den Wagon. Beinahe im selben Augenblick prallte die Schnauze eines furchteinflößenden Hundekopfes gegen das Gitter, das seinem Angriff jedoch standhielt. Das Mädchen wich zurück. Was war das? Wie betäubt hatte Emma die kräftigen Kiefer des Hundewesens nach dem winzigen Schmetterling schnappen sehen, der in letzter Sekunde durch die Gittermaschen hindurch in das Innere des Zuges entwischt war. Emma trat nun dichter an das Gitter heran. Der Hundekopf gehörte zu einem monströsen Fabeltier, das in diesem Augenblick seine Ehrfurcht gebietenden Krallen in das Gitter preßte und mit messerscharfer Gewalt das schützende Netz zu zerstören versuchte.

Ein Greifvogel mit einem Hundekopf? Emma war nun absolut sicher, daß sie träumte. Gewiß würde sie jeden Moment erwachen. Der Hundekopf aber fletschte die Zähne. Er schnappte ein weiteres Mal drohend nach dem Schmetterling. Emma spürte sein verzweifeltes Begehren. Die garstige Kreatur schlug heftig mit den Flügeln, um gleich darauf ihre Schnauze noch fester gegen das Gitter zu pressen und sich darin zu verbeißen. Doch zu Emmas großer Verwunderung hielt das zierliche, blaue Schrankenwerk, das den Panther hatte widerstandslos entweichen lassen, auch diesem Angriff stand.

Emma schenkte dem Schmetterling keine weitere Beachtung. Sie drehte sich auf dem Absatz und floh zur nächsten Schleuse. Hastig schob sie die Tür beiseite und betrat den Balg. Der Speisewagen konnte nicht mehr weit sein. Mit wenigen Schritten erreichte Emma die andere Seite des Balges. Sie schob die zweite Tür beiseite und betrat den nächsten Waggon. Unversehens ergoß sich ein heftiger Platzregen über das Mädchen. Der Regenguß war so stark, daß Emma Mühe hatte, sich aufrecht zu halten.

»Welch ein verrückter Zug!« dachte Emma. Sie zog ihre Jacke über den Kopf, um sich vor dem hernieder prasselnden Regen zu schützen. Da fiel ihr auf, daß diese keine normalen Regentropfen waren. Sie fing einen Tropfen, groß wie eine Murmel, mit der Hand auf. Bei näherer Betrachtung entdeckte sie im Inneren des seltsamen Gebildes, das eigenartigerweise nicht in ihrer Hand zerfiel, sondern als elastische Kugel in seiner Form bestehenblieb, ein buntes Licht, glänzend und schillernd wie das Elixier eines Regenbogens.

Emma nahm die Jacke herunter und betrachtete eine ihrer Haarsträhnen, die von den seltsamen Tropfen benetzt worden war. Das dunkle, rotschimmernde Braun ihres Haares war überall, wo es mit dem sonderbaren Regenwasser in Kontakt gekommen war, von einem bizarren Licht umgeben. Das Haar war jedoch ganz und gar nicht naß, sondern von einem regenbogenartigen Glanz überdeckt. Unwillkürlich wandte Emma das Gesicht nach oben, um den eigentümlichen Regenbogentropfen zu ermöglichen, ihre Haut zu benetzen. Ein Gefühl wie von zarter, heilsamer Kühle überströmte ihr Gesicht. Sie verlor jedes Zeitgefühl. Als sie wieder zu sich kam, war das Phänomen verschwunden. Im selben Augenblick zerriß die bizarre Stille, und Emma konnte das gleichmäßige Rattern und Scheppern des Zuges hören. Es schien, als sei dieser Zug erfüllt von einer unbegreiflichen Atmosphäre, die die Sinne der Reisenden vernebelte.

Emma machte sich auf den Weg zum nächsten Schleusenabschnitt. Kaum hatte sie ihn passiert, befand sie sich inmitten eines Waggons, der von hellem Sonnenlicht überflutet war. Aus reiner Neugier lief Emma zum Fenster, um zu prüfen, ob außerhalb des Zuges ebenfalls die Sonne schien. Das Gegenteil war der Fall: Draußen hatte das Wetter umgeschlagen. Es tobte ein Sturm. Die Baumwipfel bogen sich unter der Last der Winde, Schnee rieselte und wirbelte von den Zweigen. Da sah Emma inmitten der Schneelandschaft ein goldenes Gefährt dahinrasen. Floh es vor dem Zug, oder begleitete es ihn etwa? Von vier weißen Gestalten gezogen, kämpfte es sich durch die entfesselte Natur. Auf dem Streitwagen stand, aufrecht und stolz, ein prunkvoll geschmückter Krieger. Er hatte schwarzes Haar und einen kurzen Vollbart. Auf dem Kopf trug er einen goldenen Helm mit einem prächtigen Zierkamm. Emma erschrak, als sie den dunklen Verfolger des mit Gold beschlagenen Wagens sah: Ein schwarzer Ritter auf einem pechschwarzen Streitroß jagte hinter dem goldenen Gespann her. Seltsam war, daß der Ritter von Sekunde zu Sekunde an Größe und Gestalt zu wachsen schien, obwohl er sich tatsächlich vom Zug entfernte. War dies eine optische Täuschung? Emma bemühte sich, die eigenartigen Gestalten, die vor den goldenen Wagen gespannt waren, genauer zu betrachten: es waren erhabene Wesen mit menschlichen Gesichtern und stierähnlichen Leibern. Pranken und Schwanz stammten von einem Löwen, die Flügel aber glichen Adlerschwingen.

Doch was war das? Emma blickte zum Himmel auf, wo eine gigantische, graue Wolke, die sich deutlich rascher bewegte als ihre luftigen Schwestern, auf den Schwarzen Ritter zusteuerte, ja ihn zu verfolgen schien. Die Wolke warf ihren titanischen Schatten zur Erde, und Emma beobachtete das bedrohliche Dunkel, das sich rasch vorwärts bewegte. Der Schwarze schien zu wissen, daß er verfolgt wurde und gab seinem Roß die Sporen. So wurde der Verfolger wurde zum Gejagten. Schon hatte sich der Ritter dem goldenen Streitwagen gefährlich angenähert, da geschah es: Der Schatten hatte den Ritter eingeholt und warf sich gewaltig über sein Opfer, das augenblicklich aus Emmas Sicht verschwand. Es schien, als habe der Wolkenschatten den schwarzen Reiter mit Roß und Harnisch verschlungen. Im selben Moment, als der Schatten seine Beute überwältigte, erstrahlte die Himmelswolke in einem übernatürlichen Blauschimmer. Gebannt starrte Emma zum Fenster hinaus. Die Elemente waren in Aufruhr. Der goldene Wagen hatte sich mit großer Geschwindigkeit vom Transsylvanien-Expreß entfernt. Bald war er nur noch ein heller Fleck am Horizont.

Emmas Herz schlug schnell. Seit der Zug die Grenze dieses gespenstischen Landes überquert hatte, schien das Mädchen nicht mehr in der Lage zu sein, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Die schattenhaften Gestalten, der schwarze Panther, die schillernden Regentropfen und nun ein Schwarzer Ritter, der von einer Wolke verschlungen wurde? All das konnte nur ein Traum sein!

Auf der Suche nach dem Speisewagen lief Emma weiter in Fahrtrichtung und durchquerte mehrere, unauffällige Waggons. Endlich, hinter einem tunnelartigen Schleusenabschnitt erreichte sie ihr Ziel. Sie schob die letzte Tür beiseite und betrat den Speisewagen. Der Waggon schien übertrieben prunkvoll ausgestattet zu sein: Die Fenster waren mit blauen und silbernen Vorhängen aus schwerem Samt verhüllt, so daß den Gästen der Blick auf die Außenwelt verwehrt war. Am vorderen Ende des Wagens bemerkte Emma eine aus prächtigem Kirschbaumholz gearbeitete und mit Intarsien verzierte Bar. Ein orientalisch gekleideter Kellner mit einem weißen Turban auf dem Kopf versorgte die illustren Gäste mit bunten Cocktails. Emma bewegte sich langsam vorwärts. Das Restaurant war beinahe bis auf den letzten Platz gefüllt. Als Emma die Mitte des Waggons erreicht hatte, hielt sie kurz inne. Täuschte sie sich, oder hatte sie tatsächlich dort hinten, ganz im Dunkel einer Nische verborgen, jene gedrungene, schwarz verhüllte Gestalt entdeckt, die noch vor wenigen Minuten vor ihr geflohen war? Emma war verunsichert. Sie blieb für einen Moment im Gang stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Am Tisch rechts von ihr speiste ein älteres, englisches Ehepaar, dessen Unterhaltung sie unwillkürlich mitanhörte:

»Oh, Archybald, bitte nicht bei Tisch!«

»So ziere dich doch nicht, werte Beatrice, es ist nun einmal eine Tatsache!«

»Tatsache ist, Archybald, daß deine Freunde vom Golfclub dir einen Bären aufgebunden haben. Einfach lächerlich ist das!«

»Beatrice, mein Augenstern, würde ich dich jemals anlügen?!«

»Nun, in deinem eigenen Interesse hoffe ich das nicht, mein Lieber. Und falls du es tätest, so würde ich es ja doch bemerken.«

»Erfreulich, wahrlich erfreulich, Liebste, daß wir uns wenigstens in diesem Punkte einig sind! Und doch verweilst du im Unrecht!« beharrte Archybald.

»Aber Archy, nimm doch Vernunft an!« ermahnte Beatrice ihren Gatten, »Fische haben selbstverständlich keine Blähungen!«

»Und ich sage dir, meine Beatrice: Du befindest dich in einem fatalen Irrtum! Es geschah am fünften Loch: Andrew hatte gerade durch einen mittelmäßigen Schlag mit dem Wedge seinen Ball aus dem Sandbunker befreit und aufs Grün gerettet, wo er dann, dem Gefälle folgend, eher zufällig ins Loch rollte, als Nigel, der wie immer mit drei Schlägen unter Paar in Führung lag, eher beiläufig berichtete, daß Fische ihre Exkremente in eine dünne Gelatinekapsel einhüllen, bevor sie sie über das Darmende ausscheiden.«

»Archybald, ich warne dich!«

»Ich bin noch nicht fertig, Beatrice, mein Rohdiamant, also laß mich bitte aussprechen. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, richtig, am Darmende!«

»Archybald!«

»Ja, ja, ganz recht: Und du wirst es nicht glauben, werte Beatrice, das Ergebnis dieses wissenschaftlich äußerst interessanten Prozesses ist eine Fäkalkapsel-«

»Archybald! Ich appelliere an deine guten Manieren!«

»-eine Fäkalkapsel«, wiederholte Archybald eifrig, »die entweder absinkt oder schwimmt! Was sagst du nun, Beatrice, mein Kronjuwel, ist das nicht faszinierend?«

»Ich sage: Es reicht!«

»Aber ja, mein Zuckerguß, aber ja! Nur eines noch: Da viele Fische Koprophagen, also sogenannte Kotfresser sind, bleiben diese Kapseln nicht allzu lange erhalten! Möchtest du noch etwas Sahne in deinen Tee, meine Teuerste?«

»Jetzt habe ich aber genug!« Beatrice warf ihrem Gatten einen gestrengen Blick zu, woraufhin dieser augenblicklich verstummte. Emma lauschte dem kleinen Ehekrach von Beatrice und Archybald amüsiert. Währenddessen spähte sie aufmerksam hinüber zu den vier bärtigen, mit Turbanen und aufwendigen Stoffbahnen verhüllten Männern, die in der hintersten Ecke des Waggons ihre finsteren Köpfe zusammensteckten. Die dickliche Kapuzengestalt, die soeben noch in einer Seitennische gekauert hatte, verließ plötzlich ihr  Versteck, preßte sich an der Bar vorbei und bewegte sich direkt auf den Mittelgang zu. Emma bemerkte, daß die vier Männer das mönchsartig gekleidete Männlein argwöhnisch beäugten. Ihr fiel auf, daß sich die vier durch sonderbar melodische Singsanglaute verständigten. Sekunden später sprangen sie auf, um dem rundlichen Männlein nachzueilen. Die Mönchsgestalt quetschte sich gerade an Emma vorbei, wobei sie die Kapuze tiefer ins Gesicht zog und sich ängstlich nach ihren Verfolgern umschaute, da knallte ein Sektkorken durch die Luft, ein Raunen ging durch das Restaurant und vereinzelt hörte man Gäste applaudieren. Die rundliche Mönchsgestalt beschleunigte ihren Schritt. Emma aber drängte sich, um den Fremdlingen auszuweichen, auf den Sitz neben den verdutzen Archybald. Für ihr unhöfliches Verhalten erntete sie einen strafenden Blick von Beatrice. »Tschuldigung«, murmelte das Mädchen, »ist nur für eine Minute, dann sind Sie wieder unter sich.«

Die vier Finsterlinge hatten den Mittelgang des Restaurants erreicht. Doch plötzlich wurde ihnen von einem beinahe zwei Meter großen, fetten, kahlköpfigen Mann der Weg versperrt. Der Mann hatte sich in dieser Minute von seinem Platz erhoben. Nun blockierte er mit seinem ausladenden Bauch den Mittelgang. Die Turbanträger versuchten, sich an dem fetten Kerl vorbeizudrängen, was ihnen aufgrund seiner Leibesfülle nicht gelang. Die Mönchsgestalt aber hatte die Schleuse erreicht und war verschwunden.

 Die bärtigen Männer und der fette Kerl hatten sich ineinander verkeilt, so daß sie ein wütendes Knäuel bildeten. Zu ihnen gesellte sich ein kläffendes Pekinesenhündchen, das von irgendeinem Schoß gesprungen war. Das Hündchen stiftete zusätzlich Verwirrung, indem es aufgeregt an den Beinen der Männer hochsprang und sich zwischen hektischen Kläffkanonaden immer wieder in das Hosenbein des fetten Mannes verbiß.

Emma hatte sich während dieses Spektakels nicht von der Stelle bewegt. Sie fragte sich, was die vier Bärtigen im Schilde führten und wieso der kleine, rundliche Kapuzenmönch vor ihnen geflohen war. Das Mädchen überlegte, ob es dem Mann nacheilen sollte, um herauszufinden, was es mit ihm auf sich hatte.

Nach der kleinen Redepause, die den armen Archybald offensichtlich größte Anstrengung gekostet hatte, setzte er – sehr zum Leidwesen seiner Frau – seine Ausführungen fort:

»Beatrice, mein Honigkuchen, weißt du eigentlich, wie der gute Walter es geschafft hat, seinen Ball mit einem spektakulären Recovery-Schlag aus einem Divot-Loch aufs Fairway zu retten?«

»Nein, Archybald, das weiß ich nicht! Wie sollte ich auch? Es war eine reine Herrenrunde, und ich war nicht zugegen!«

»Sehr bedauerlich, Beatrice, mein Wonnemond, sehr bedauerlich! Du würdest es genossen haben! Also, stell dir vor: Strahlender Sonnenschein, völlige Windstille, nicht das kleinste Wölkchen am Himmel, also die besten Voraussetzungen für einen sauberen Schlag. Walter nimmt seine Position ein. Als er sein Gewicht vorsichtig, fast lauernd, auf den linken Fuß verlagert, das Sand Wedge steil, aber langsam und mit frühzeitigem Handgelenkseinsatz emporschwingend, hält er ganz unvermutet inne, dreht sich zu mir und gibt mir zu verstehen, daß einige Haiarten, wie z. B. der Eugomphodus taurus, gemeinhin bekannt als Sand-Tigerhai, das Furzen als zusätzliche Auftriebstechnik anwenden-«

»Also, das ist ja unerhört, Archybald!«

»Nein, nein, Beatrice, nicht unerhört, Liebling, ich sage dir ja, daß ich es von Walter hörte, während der alte Gauner, seinen Ball mit einem kurzen Pitch aus dem Divot-Loch ganz souverän aufs Fairway rettete!«

In der Zwischenzeit hatten die bärtigen Männer den fetten Kerl, an dessen Hosenbein noch immer der bissige Pekinese hing, auf seinen Sitzplatz zurückgedrängt. Nun stürmten sie mit wehenden Gewändern an Emma vorbei, der flüchtigen Mönchsgestalt hinterher. Eben wollte Emma aufstehen und das britische Ehepaar noch einmal für die Störung um Verzeihung bitten, da kam ein weiß gekleideter Kellner auf sie zugeeilt. Mit einer unterwürfigen Verbeugung forderte er das Mädchen auf, an der Bar zu warten, bis ein Tisch frei werde. Emma folgte seiner Handbewegung bis hin zur Cocktailbar, wo sie eine extra scharfe Peperoni-Pizza zum Mitnehmen und, eigens für Paddy, einen Sandmuffin mit ganzen Haselnüssen orderte. Wenig später begab sie sich mit Pizzakarton und Muffin beladen, auf den Rückweg zu ihrem Abteil. Sie konnte es kaum erwarten, Paddy von ihren jüngsten Erlebnissen zu erzählen. Im Vorübergehen hörte sie das englische Ehepaar unerschütterlich weiterstreiten:

»Und ich sage dir, Beatrice, mein Gänseblümchen, Hummeln können nicht fliegen!«

»Aber ich bitte dich, Archybald, das ist doch Unsinn! Jedes Kind weiß, daß Hummeln fliegen können!«

»Mitnichten, Beatrice, mein Glutrubin, mitnichten! Wissenschaftlich betrachtet, ist es sogar völlig unmöglich, daß eine Hummel sich in die Lüfte erhebt-«

»Bitte, Archy, laß dich von deinen Clubkameraden nicht auf den Arm nehmen! Sie lenken dich mit solchem Unsinn vom Spiel ab, nichts weiter.«

»Du verstehst das nicht, Beatrice, Schatz! Es handelt sich hier um eine wissenschaftlich fundierte Tatsache und keinesfalls um einen Scherz! Maßgeblich ist das Gewicht der Hummel: Sie ist nämlich schlicht und einfach zu schwer! Ihre Flügel sind im Verhältnis zum Körpergewicht zu klein, um für den notwendigen Auftrieb zu sorgen, so glaube mir doch!«

»Oh, Archybald, mein Liebster! Hummeln fliegen aber doch! Du brauchst nur hinzusehen!«

»Du denkst wieder einmal zu emotional, liebste Beatrice! Ich sage dir: nach allen geltenden Regeln der Schwerkraft ist es vollkommen unmöglich, eine Hummel jemals zum Fliegen zu bringen!«

»Aber das kann doch nicht wahr sein! Archy! Mit euren Regeln stimmt doch etwas nicht! Finde dich damit ab, daß es den Hummeln gleich ist, was deine Golffreunde über sie denken. Hummeln können fliegen, und damit basta!«

»Es war offenkundig allzu optimistisch von mir zu glauben, ein weibliches Individuum möge jemals in der Geschichte des Empire in der Lage gewesen sein, den logischen Schlußfolgerungen seines Gatten zu folgen!«

»Nun gut, wenn du meinst, mein Lieber. Dann sei so gut, und iß im Namen von King George deinen Porridge auf, so daß wir endlich zum Ende kommen können. Zur Belohnung werden wir einstweilen Hummeln Hummeln sein lassen…«


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