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	<title>Terralucida Blog</title>
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	<description>Der Fantasy-Bog</description>
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		<title>Terralucida Blog</title>
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		<title>Hauptteil &#8211; 2. Kapitel: Schattenspiel (2)</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 13:45:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>terralucida</dc:creator>
				<category><![CDATA[Terra lucida - Hauptteil (1. Buch)]]></category>
		<category><![CDATA[Blutsauger]]></category>
		<category><![CDATA[Transylvanien]]></category>
		<category><![CDATA[traumdeutung]]></category>
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		<description><![CDATA[Unlängst hatte der Transsylvanien-Expreß die letzte Grenze zwischen Ungarn und Rumänien hinter sich gelassen. Weiter ging die Fahrt nach Osten. Emma kam langsam zu sich. Schlaftrunken blickte sie umher. Endlich schien sie den ungeduldig an ihrem Ärmel zupfenden Paddy zu bemerken. »Hey, Schlafmütze!« rief er aus. »Wir sind bald da! Gerade haben wir Curtici passiert! [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=terralucida.wordpress.com&amp;blog=5770791&amp;post=33&amp;subd=terralucida&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Unlängst hatte der Transsylvanien-Expreß die letzte Grenze zwischen Ungarn und Rumänien hinter sich gelassen. Weiter ging die Fahrt nach Osten. Emma kam langsam zu sich. Schlaftrunken blickte sie umher. Endlich schien sie den ungeduldig an ihrem Ärmel zupfenden Paddy zu bemerken. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Hey, Schlafmütze!« rief er aus. »Wir sind bald da! Gerade haben wir Curtici passiert! Das hast du natürlich verschlafen!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Oh, mir ist ganz schwindelig. Wie spät ist es denn?« Emma unterdrückte ein kleines Gähnen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»So ungefähr halb acht«, schätzte Paddy.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Was?!« Emma schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Doch nicht etwa halb acht Uhr morgens??«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Irgendwie schon«, sagte Paddy zögerlich.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Meine Güte, dann habe ich ja den ganzen Tag und die komplette Nacht verschlafen!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Du warst müde«, wiegelte Paddy ab. »Aber jetzt bist du ja wach, und da könntest du mir einen frischen Sandkuchen aus dem Speisewagen holen!</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Sonst noch etwas?« frotzelte Emma, während sie sich ausgiebig räkelte und streckte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Im Moment nicht«, sagte Paddy, »aber ich lasse es dich wissen, falls mir noch etwas einfällt.« Er setzte ein freches Grinsen auf und verschränkte die Arme vor seinem stacheligen Leib.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Dann bis später«, sagte Emma, stand auf, ging zur Tür und schob sie beiseite. Doch kaum war sie hinaus auf den Gang getreten, da wurde sie von einer heftigen Böe erfaßt und sogleich in das Abteil zurückkatapultiert. Sie wurde unsanft zu Boden geschleudert, und die Tür rutschte mit Wucht ins Schloß. Mit einem Sturm im Inneren des Zuges hatte sie wahrhaftig nicht gerechnet. Irritiert richtete sich das Mädchen auf.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»So schnell zurück?« spottete Paddy. »Naja, wo du schon mal da bist, könntest du mich gleich zurück aufs Fensterbrett setzen!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma schüttelte sich ein Rosenblatt aus dem Haar, während sie den Schmutz, den der Wind herbeigetragen hatte, aus ihrer Kleidung klopfte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Bitte sehr, mein Herr!« Sie hob den Kaktus sanft von der Sitzbank auf und gab ihm auf Höhe des Fensterbretts einen kleinen Schubs. »Ist auch besser, wenn du hier oben bleibst. Falls in meiner Abwesenheit jemand das Abteil betritt, kannst du ihn jedenfalls nicht in den Hintern pieksen wie Tante Kunigunde!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Bleib nicht zu lange weg, sonst schlag’ ich hier Wurzeln!« brummte Paddy.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma warf ihrem Freund ein letztes Augenzwinkern zu. Dann schob sie die Tür zum zweiten Mal beiseite und trat hinaus auf den Gang. Mit einem lauten Scheppern fiel die Tür hinter ihr ins Schloß, und sie war allein. Tausende schwarzer Rosenblätter wirbelten durch den Zug, und in der Luft lag ein Geruch von Verwesung, der das Mädchen erschauern ließ. Emma hatte Mühe, dem Sturm standzuhalten. Ihr Haar wirbelte wild durcheinander, und sie mußte sich an der Wand abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als Emma den Blick zum Ende des Zuges wandte, blies ihr der Wind so heftig ins Gesicht, daß ihre Augen zu tränen begannen. Sogleich drehte sie sich wieder in Fahrtrichtung und ließ sich von der Gewalt des Sturmes vorwärts treiben. Bald hatte sie den ersten Balg* erreicht.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Dort angelangt, drückte sie die Schiebetür mit äußerster Kraftanstrengung beiseite und zwängte sich hindurch. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß. Im Inneren der Schleuse endlich, herrschte Windstille! Emma strich sich das Haar aus dem Gesicht. Nach einer kleinen Verschnaufpause zwängte sich das Mädchen durch die gegenüberliegende Schleusentür geradewegs in den nächsten, von aufwirbelnden Rosenblättern durchströmten Gang. Der Wagon, den sie nun betreten hatte, war weiträumig und leer wie ein Wohnzimmer, dem das Mobiliar fehlte. Es gab keine Abteile oder andere Unterteilungen. Lediglich über dem massiven Holzboden lag ein großer, schwerer orientalischer Teppich. Der Mittelgang war gesäumt von leichten Vorhangstoffen, die in schwerelosem Blau, wie durchsichtig, von der Decke herabfielen. Sie wirbelten und tanzten zur Melodie des Sturmes. Dabei bildeten sie Gesichter und Konturen, als seien sie beseelte Wesen aus eine anderen Welt. Die Fenster aber waren mit schwerem Brokat verhüllt, so daß dem Mädchen der Blick auf die Landschaft außerhalb des Zuges verwehrt blieb. Am anderen Ende des Wagons erblickte Emma eine schwarz gekleidete Gestalt. Sie war von gedrungener Statur, und die Kapuze ihres Umhanges hing ihr tief ins Gesicht. Als Emma sich ihr langsam näherte, eilte die Gestalt auf die nächste Schleuse zu und verschwand kurz darauf aus ihrem Blick. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Das Mädchen wandte sich nach rechts und schob den Brokatvorhang eines der Fenster zur Seite. Zu Emmas größter Verwunderung war es draußen vollkommen windstill; kein einziges Lüftchen regte sich in den Baumwipfeln. Merkwürdig war, daß alle Fenster mit blauen, maschendrahtähnlichen Gittern verkleidet waren und auf diese Weise das Zuginnere von der Außenwelt abzuschirmen schienen. In Abteil Nummer 13 hatte Emma die blauen Fenstergitter nicht bemerkt. Sie fragte sich, ob eine solche Sicherung dazu diente, die Fahrgäste vor dem Herausfallen zu bewahren? Oder sollte der Gitterschutz etwas oder jemanden davon abhalten, durch die Fenster hindurch in den Zug einzudringen? Das Mädchen kämpfte sich weiter durch Sturm und Wind, bis hin zum nächstgelegenen Fenster. Auch hier bildete das blaue Gitternetz die Barriere zwischen Innen- und Außenwelt. Emma schaute hinaus. Plötzlich wurde sie auf einen aus großer Entfernung sich rasch nähernden, drachengleichen Vogel aufmerksam. Seine Flügel schienen von beträchtlicher Spannweite zu sein. Emma überlegte, was wohl geschehen möge, falls sie eines der Fenster öffnete? Würde der Sturm, der noch immer unbarmherzig durch den Zug tobte, zum Fenster hinaus entweichen? Einen Versuch war es wert. Das Mädchen entriegelte eines der Fenster und schob es nach unten. Tatsächlich! Der Sturm, der ein Gefangener des Zuges gewesen zu sein schien, stürzte sich durch das Fenster hindurch ins Freie. Der starke Sog, hervorgerufen von den aus ihrem Gefängnis entfliehenden Winden, drohte, Emma mit sich zu reißen und sie aus dem Zug zu schleudern. Doch sie klammerte sich verbissen an einen der Haltegriffe. In Sekundenschnelle hatte der entfesselte Sturm seinen Weg in die Freiheit gefunden, und mit einem Mal war der Spuk vorbei. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma atmete schwer, und ihr Brustkorb bebte, als sie ihren Griff lockerte und sich vom Fenster abwandte. Unvermutet sah sie ihn: ein prachtvoller, schwarzer Panther lauerte in gebückter Haltung, die Muskeln wie zum Sprung angespannt, direkt vor ihren Augen. Das herrliche Tier blickte dem Mädchen aus seinen unergründlichen, tiefblauen Augen entgegen. Über seinem Fell lag ein unwirklich blauglänzender Schimmer, und seine mächtigen Muskeln spannten sich unter der geschmeidigen Haut, während das Tier Emma fixierte. Das Mädchen war erstarrt. Die große Katze aber, die sich inmitten des wütenden Sturmwinds unbemerkt hatte nähern können, hob drohend die Lefzen. Emma sah ein Paar weißer Fangzähne im Oberkiefer des halb geöffneten Maules der großen Katze aufblitzen. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Einmal mehr schien sich eine dämonische Totenstille über den Zug gelegt zu haben. Nicht einmal die ratternden und scheppernden Fahrgeräusche waren mehr zu hören. Der schwarze Panther hob den Kopf, als nähme er Witterung auf. Schon glaubte Emma, daß es nun um sie geschehen sei. Da wandte sich das Tier für einen Augenblick von ihr ab, um in der nächsten Sekunde herumzuschnellen und zum Sprung anzusetzen. Emma zuckte zusammen. Sie schloß die Augen. Nun war es soweit: das prächtige Tier würde sie jetzt und hier in Stücke reißen! Sie würde von dieser Reise nicht zurückkehren und ihre Eltern, Paddy und Pepperoni niemals wiedersehen!</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Eine schier »unendliche« Sekunde verstrich, bis Emma einen Lufthauch über ihren Körper gleiten spürte. Gerade noch rasch genug hatte sie die Augen wieder geöffnet, um den Panther mit gestrecktem Körper an sich vorbei, durch das vergitterte Fenster hindurch, aus dem Zug springen zu sehen. Im selben Augenblick, als der Panther das Gitter berührte, schien der schwarzblaue Schimmer seines Fells mit den changierenden Maschen des blauen Netzes zu verschmelzen, und das prachtvolle Tier löste sich buchstäblich in Luft auf. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma stürzte zum Fenster, doch da war – nichts! Der Panther war verschwunden. Emma wollte das Gesicht an die Maschen des Gitters pressen, doch es leistete keinerlei Widerstand. Sie konnte ihren Kopf ungehindert zum Fenster hinausstrecken und aus dem Zug schauen. Unter ihrem Blick taten sich die wundervollsten Felder, Wiesen und Wälder auf, doch es gab keine Spur von der Raubkatze, deren Atem sie eben noch hautnah gespürt hatte. Gerade, als das Mädchen seinen Kopf in das Innere des Zuges zurückgezogen hatte, da kam ein winziger, silberner Schmetterling herbeigeflattert. Die Luftströmungen und Turbulenzen außerhalb des fahrenden Zuges schienen ihn in seinem Fluge nicht zu behelligen. Er nahm unbeirrbar Kurs auf das Fenster, durch das soeben der Panther ins Nichts entsprungen war. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Plötzlich bemerkte Emma ein Geräusch wie von mächtigen Flügelbewegungen. Schon wollte sie ihren Kopf erneut durch die Maschen des Lichtnetzes hindurchstecken und ins Freie sehen, da flatterte der Schmetterling durch die blaue Barriere in den Wagon. Beinahe im selben Augenblick prallte die Schnauze eines furchteinflößenden Hundekopfes gegen das Gitter, das seinem Angriff jedoch standhielt. Das Mädchen wich zurück. Was war das? Wie betäubt hatte Emma die kräftigen Kiefer des Hundewesens nach dem winzigen Schmetterling schnappen sehen, der in letzter Sekunde durch die Gittermaschen hindurch in das Innere des Zuges entwischt war. Emma trat nun dichter an das Gitter heran. Der Hundekopf gehörte zu einem monströsen Fabeltier, das in diesem Augenblick seine Ehrfurcht gebietenden Krallen in das Gitter preßte und mit messerscharfer Gewalt das schützende Netz zu zerstören versuchte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Ein Greifvogel mit einem Hundekopf? Emma war nun absolut sicher, daß sie träumte. Gewiß würde sie jeden Moment erwachen. Der Hundekopf aber fletschte die Zähne. Er schnappte ein weiteres Mal drohend nach dem Schmetterling. Emma spürte sein verzweifeltes Begehren. Die garstige Kreatur schlug heftig mit den Flügeln, um gleich darauf ihre Schnauze noch fester gegen das Gitter zu pressen und sich darin zu verbeißen. Doch zu Emmas großer Verwunderung hielt das zierliche, blaue Schrankenwerk, das den Panther hatte widerstandslos entweichen lassen, auch diesem Angriff stand. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma schenkte dem Schmetterling keine weitere Beachtung. Sie drehte sich auf dem Absatz und floh zur nächsten Schleuse. Hastig schob sie die Tür beiseite und betrat den Balg. Der Speisewagen konnte nicht mehr weit sein. Mit wenigen Schritten erreichte Emma die andere Seite des Balges. Sie schob die zweite Tür beiseite und betrat den nächsten Waggon. Unversehens ergoß sich ein heftiger Platzregen über das Mädchen. Der Regenguß war so stark, daß Emma Mühe hatte, sich aufrecht zu halten.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Welch ein verrückter Zug!« dachte Emma. Sie zog ihre Jacke über den Kopf, um sich vor dem hernieder prasselnden Regen zu schützen. Da fiel ihr auf, daß diese keine normalen Regentropfen waren. Sie fing einen Tropfen, groß wie eine Murmel, mit der Hand auf. Bei näherer Betrachtung entdeckte sie im Inneren des seltsamen Gebildes, das eigenartigerweise nicht in ihrer Hand zerfiel, sondern als elastische Kugel in seiner Form bestehenblieb, ein buntes Licht, glänzend und schillernd wie das Elixier eines Regenbogens. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma nahm die Jacke herunter und betrachtete eine ihrer Haarsträhnen, die von den seltsamen Tropfen benetzt worden war. Das dunkle, rotschimmernde Braun ihres Haares war überall, wo es mit dem sonderbaren Regenwasser in Kontakt gekommen war, von einem bizarren Licht umgeben. Das Haar war jedoch ganz und gar nicht naß, sondern von einem regenbogenartigen Glanz überdeckt. Unwillkürlich wandte Emma das Gesicht nach oben, um den eigentümlichen Regenbogentropfen zu ermöglichen, ihre Haut zu benetzen. Ein Gefühl wie von zarter, heilsamer Kühle überströmte ihr Gesicht. Sie verlor jedes Zeitgefühl. Als sie wieder zu sich kam, war das Phänomen verschwunden. Im selben Augenblick zerriß die bizarre Stille, und Emma konnte das gleichmäßige Rattern und Scheppern des Zuges hören. Es schien, als sei dieser Zug erfüllt von einer unbegreiflichen Atmosphäre, die die Sinne der Reisenden vernebelte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma machte sich auf den Weg zum nächsten Schleusenabschnitt. Kaum hatte sie ihn passiert, befand sie sich inmitten eines Waggons, der von hellem Sonnenlicht überflutet war. Aus reiner Neugier lief Emma zum Fenster, um zu prüfen, ob außerhalb des Zuges ebenfalls die Sonne schien. Das Gegenteil war der Fall: Draußen hatte das Wetter umgeschlagen. Es tobte ein Sturm. Die Baumwipfel bogen sich unter der Last der Winde, Schnee rieselte und wirbelte von den Zweigen. Da sah Emma inmitten der Schneelandschaft ein goldenes Gefährt dahinrasen. Floh es vor dem Zug, oder begleitete es ihn etwa? Von vier weißen Gestalten gezogen, kämpfte es sich durch die entfesselte Natur. Auf dem Streitwagen stand, aufrecht und stolz, ein prunkvoll geschmückter Krieger. Er hatte schwarzes Haar und einen kurzen Vollbart. Auf dem Kopf trug er einen goldenen Helm mit einem prächtigen Zierkamm. Emma erschrak, als sie den dunklen Verfolger des mit Gold beschlagenen Wagens sah: Ein schwarzer Ritter auf einem pechschwarzen Streitroß jagte hinter dem goldenen Gespann her. Seltsam war, daß der Ritter von Sekunde zu Sekunde an Größe und Gestalt zu wachsen schien, obwohl er sich tatsächlich vom Zug entfernte. War dies eine optische Täuschung? Emma bemühte sich, die eigenartigen Gestalten, die vor den goldenen Wagen gespannt waren, genauer zu betrachten: es waren erhabene Wesen mit menschlichen Gesichtern und stierähnlichen Leibern. Pranken und Schwanz stammten von einem Löwen, die Flügel aber glichen Adlerschwingen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Doch was war das? Emma blickte zum Himmel auf, wo eine gigantische, graue Wolke, die sich deutlich rascher bewegte als ihre luftigen Schwestern, auf den Schwarzen Ritter zusteuerte, ja ihn zu verfolgen schien. Die Wolke warf ihren titanischen Schatten zur Erde, und Emma beobachtete das bedrohliche Dunkel, das sich rasch vorwärts bewegte. Der Schwarze schien zu wissen, daß er verfolgt wurde und gab seinem Roß die Sporen. So wurde der Verfolger wurde zum Gejagten. Schon hatte sich der Ritter dem goldenen Streitwagen gefährlich angenähert, da geschah es: Der Schatten hatte den Ritter eingeholt und warf sich gewaltig über sein Opfer, das augenblicklich aus Emmas Sicht verschwand. Es schien, als habe der Wolkenschatten den schwarzen Reiter mit Roß und Harnisch verschlungen. Im selben Moment, als der Schatten seine Beute überwältigte, erstrahlte die Himmelswolke in einem übernatürlichen Blauschimmer. Gebannt starrte Emma zum Fenster hinaus. Die Elemente waren in Aufruhr. Der goldene Wagen hatte sich mit großer Geschwindigkeit vom Transsylvanien-Expreß entfernt. Bald war er nur noch ein heller Fleck am Horizont. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emmas Herz schlug schnell. Seit der Zug die Grenze dieses gespenstischen Landes überquert hatte, schien das Mädchen nicht mehr in der Lage zu sein, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Die schattenhaften Gestalten, der schwarze Panther, die schillernden Regentropfen und nun ein Schwarzer Ritter, der von einer Wolke verschlungen wurde? All das konnte nur ein Traum sein!</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Auf der Suche nach dem Speisewagen lief Emma weiter in Fahrtrichtung und durchquerte mehrere, unauffällige Waggons. Endlich, hinter einem tunnelartigen Schleusenabschnitt erreichte sie ihr Ziel. Sie schob die letzte Tür beiseite und betrat den Speisewagen. Der Waggon schien übertrieben prunkvoll ausgestattet zu sein: Die Fenster waren mit blauen und silbernen Vorhängen aus schwerem Samt verhüllt, so daß den Gästen der Blick auf die Außenwelt verwehrt war. Am vorderen Ende des Wagens bemerkte Emma eine aus prächtigem Kirschbaumholz gearbeitete und mit Intarsien verzierte Bar. Ein orientalisch gekleideter Kellner mit einem weißen Turban auf dem Kopf versorgte die illustren Gäste mit bunten Cocktails. Emma bewegte sich langsam vorwärts. Das Restaurant war beinahe bis auf den letzten Platz gefüllt. Als Emma die Mitte des Waggons erreicht hatte, hielt sie kurz inne. Täuschte sie sich, oder hatte sie tatsächlich dort hinten, ganz im Dunkel einer Nische verborgen, jene gedrungene, schwarz verhüllte Gestalt entdeckt, die noch vor wenigen Minuten vor ihr geflohen war? Emma war verunsichert. Sie blieb für einen Moment im Gang stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Am Tisch rechts von ihr speiste ein älteres, englisches Ehepaar, dessen Unterhaltung sie unwillkürlich mitanhörte:</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Oh, Archybald, bitte nicht bei Tisch!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»So ziere dich doch nicht, werte Beatrice, es ist nun einmal eine Tatsache!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Tatsache ist, Archybald, daß deine Freunde vom Golfclub dir einen Bären aufgebunden haben. Einfach lächerlich ist das!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Beatrice, mein Augenstern, würde ich dich jemals anlügen?!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nun, in deinem eigenen Interesse hoffe ich das nicht, mein Lieber. Und falls du es tätest, so würde ich es ja doch bemerken.«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Erfreulich, wahrlich erfreulich, Liebste, daß wir uns wenigstens in diesem Punkte einig sind! Und doch verweilst du im Unrecht!« beharrte Archybald.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Aber Archy, nimm doch Vernunft an!« ermahnte Beatrice ihren Gatten, »Fische haben selbstverständlich keine Blähungen!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Und ich sage dir, meine Beatrice: Du befindest dich in einem fatalen Irrtum! Es geschah am fünften Loch: Andrew hatte gerade durch einen mittelmäßigen Schlag mit dem Wedge seinen Ball aus dem Sandbunker befreit und aufs Grün gerettet, wo er dann, dem Gefälle folgend, eher zufällig ins Loch rollte, als Nigel, der wie immer mit drei Schlägen unter Paar in Führung lag, eher beiläufig berichtete, daß Fische ihre Exkremente in eine dünne Gelatinekapsel einhüllen, bevor sie sie über das Darmende ausscheiden.«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Archybald, ich warne dich!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich bin noch nicht fertig, Beatrice, mein Rohdiamant, also laß mich bitte aussprechen. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, richtig, am Darmende!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Archybald!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ja, ja, ganz recht: Und du wirst es nicht glauben, werte Beatrice, das Ergebnis dieses wissenschaftlich äußerst interessanten Prozesses ist eine Fäkalkapsel-«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Archybald! Ich appelliere an deine guten Manieren!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»-eine Fäkalkapsel«, wiederholte Archybald eifrig, »die entweder absinkt oder schwimmt! Was sagst du nun, Beatrice, mein Kronjuwel, ist das nicht faszinierend?«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich sage: Es reicht!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Aber ja, mein Zuckerguß, aber ja! Nur eines noch: Da viele Fische Koprophagen, also sogenannte Kotfresser sind, bleiben diese Kapseln nicht allzu lange erhalten! Möchtest du noch etwas Sahne in deinen Tee, meine Teuerste?«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Jetzt habe ich aber genug!« Beatrice warf ihrem Gatten einen gestrengen Blick zu, woraufhin dieser augenblicklich verstummte. Emma lauschte dem kleinen Ehekrach von Beatrice und Archybald amüsiert. Währenddessen spähte sie aufmerksam hinüber zu den vier bärtigen, mit Turbanen und aufwendigen Stoffbahnen verhüllten Männern, die in der hintersten Ecke des Waggons ihre finsteren Köpfe zusammensteckten. Die dickliche Kapuzengestalt, die soeben noch in einer Seitennische gekauert hatte, verließ plötzlich ihr<span>  </span>Versteck, preßte sich an der Bar vorbei und bewegte sich direkt auf den Mittelgang zu. Emma bemerkte, daß die vier Männer das mönchsartig gekleidete Männlein argwöhnisch beäugten. Ihr fiel auf, daß sich die vier durch sonderbar melodische Singsanglaute verständigten. Sekunden später sprangen sie auf, um dem rundlichen Männlein nachzueilen. Die Mönchsgestalt quetschte sich gerade an Emma vorbei, wobei sie die Kapuze tiefer ins Gesicht zog und sich ängstlich nach ihren Verfolgern umschaute, da knallte ein Sektkorken durch die Luft, ein Raunen ging durch das Restaurant und vereinzelt hörte man Gäste applaudieren. Die rundliche Mönchsgestalt beschleunigte ihren Schritt. Emma aber drängte sich, um den Fremdlingen auszuweichen, auf den Sitz neben den verdutzen Archybald. Für ihr unhöfliches Verhalten erntete sie einen strafenden Blick von Beatrice. »Tschuldigung«, murmelte das Mädchen, »ist nur für eine Minute, dann sind Sie wieder unter sich.« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Die vier Finsterlinge hatten den Mittelgang des Restaurants erreicht. Doch plötzlich wurde ihnen von einem beinahe zwei Meter großen, fetten, kahlköpfigen Mann der Weg versperrt. Der Mann hatte sich in dieser Minute von seinem Platz erhoben. Nun blockierte er mit seinem ausladenden Bauch den Mittelgang. Die Turbanträger versuchten, sich an dem fetten Kerl vorbeizudrängen, was ihnen aufgrund seiner Leibesfülle nicht gelang. Die Mönchsgestalt aber hatte die Schleuse erreicht und war verschwunden.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;"><span> </span>Die bärtigen Männer und der fette Kerl hatten sich ineinander verkeilt, so daß sie ein wütendes Knäuel bildeten. Zu ihnen gesellte sich ein kläffendes Pekinesenhündchen, das von irgendeinem Schoß gesprungen war. Das Hündchen stiftete zusätzlich Verwirrung, indem es aufgeregt an den Beinen der Männer hochsprang und sich zwischen hektischen Kläffkanonaden immer wieder in das Hosenbein des fetten Mannes verbiß.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma hatte sich während dieses Spektakels nicht von der Stelle bewegt. Sie fragte sich, was die vier Bärtigen im Schilde führten und wieso der kleine, rundliche Kapuzenmönch vor ihnen geflohen war. Das Mädchen überlegte, ob es dem Mann nacheilen sollte, um herauszufinden, was es mit ihm auf sich hatte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Nach der kleinen Redepause, die den armen Archybald offensichtlich größte Anstrengung gekostet hatte, setzte er – sehr zum Leidwesen seiner Frau – seine Ausführungen fort: </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Beatrice, mein Honigkuchen, weißt du eigentlich, wie der gute Walter es geschafft hat, seinen Ball mit einem spektakulären Recovery-Schlag aus einem Divot-Loch aufs Fairway zu retten?« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nein, Archybald, das weiß ich nicht! Wie sollte ich auch? Es war eine reine Herrenrunde, und ich war nicht zugegen!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Sehr bedauerlich, Beatrice, mein Wonnemond, sehr bedauerlich! Du würdest es genossen haben! Also, stell dir vor: Strahlender Sonnenschein, völlige Windstille, nicht das kleinste Wölkchen am Himmel, also die besten Voraussetzungen für einen sauberen Schlag. Walter nimmt seine Position ein. Als er sein Gewicht vorsichtig, fast lauernd, auf den linken Fuß verlagert, das Sand Wedge steil, aber langsam und mit frühzeitigem Handgelenkseinsatz emporschwingend, hält er ganz unvermutet inne, dreht sich zu mir und gibt mir zu verstehen, daß einige Haiarten, wie z. B. der Eugomphodus taurus, gemeinhin bekannt als Sand-Tigerhai, das Furzen als zusätzliche Auftriebstechnik anwenden-«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Also, das ist ja unerhört, Archybald!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nein, nein, Beatrice, nicht unerhört, Liebling, ich sage dir ja, daß ich es von Walter hörte, während der alte Gauner, seinen Ball mit einem kurzen Pitch aus dem Divot-Loch ganz souverän aufs Fairway rettete!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">In der Zwischenzeit hatten die bärtigen Männer den fetten Kerl, an dessen Hosenbein noch immer der bissige Pekinese hing, auf seinen Sitzplatz zurückgedrängt. Nun stürmten sie mit wehenden Gewändern an Emma vorbei, der flüchtigen Mönchsgestalt hinterher. Eben wollte Emma aufstehen und das britische Ehepaar noch einmal für die Störung um Verzeihung bitten, da kam ein weiß gekleideter Kellner auf sie zugeeilt. Mit einer unterwürfigen Verbeugung forderte er das Mädchen auf, an der Bar zu warten, bis ein Tisch frei werde. Emma folgte seiner Handbewegung bis hin zur Cocktailbar, wo sie eine extra scharfe Peperoni-Pizza zum Mitnehmen und, eigens für Paddy, einen Sandmuffin mit ganzen Haselnüssen orderte. Wenig später begab sie sich mit Pizzakarton und Muffin beladen, auf den Rückweg zu ihrem Abteil. Sie konnte es kaum erwarten, Paddy von ihren jüngsten Erlebnissen zu erzählen. Im Vorübergehen hörte sie das englische Ehepaar unerschütterlich weiterstreiten:</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Und ich sage dir, Beatrice, mein Gänseblümchen, Hummeln können nicht fliegen!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Aber ich bitte dich, Archybald, das ist doch Unsinn! Jedes Kind weiß, daß Hummeln fliegen können!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Mitnichten, Beatrice, mein Glutrubin, mitnichten! Wissenschaftlich betrachtet, ist es sogar völlig unmöglich, daß eine Hummel sich in die Lüfte erhebt-«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Bitte, Archy, laß dich von deinen Clubkameraden nicht auf den Arm nehmen! Sie lenken dich mit solchem Unsinn vom Spiel ab, nichts weiter.« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Du verstehst das nicht, Beatrice, Schatz! Es handelt sich hier um eine wissenschaftlich fundierte Tatsache und keinesfalls um einen Scherz! Maßgeblich ist das Gewicht der Hummel: Sie ist nämlich schlicht und einfach zu schwer! Ihre Flügel sind im Verhältnis zum Körpergewicht zu klein, um für den notwendigen Auftrieb zu sorgen, so glaube mir doch!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Oh, Archybald, mein Liebster! Hummeln fliegen aber doch! Du brauchst nur hinzusehen!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Du denkst wieder einmal zu emotional, liebste Beatrice! Ich sage dir: nach allen geltenden Regeln der Schwerkraft ist es vollkommen unmöglich, eine Hummel jemals zum Fliegen zu bringen!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Aber das kann doch nicht wahr sein! Archy! Mit euren Regeln stimmt doch etwas nicht! Finde dich damit ab, daß es den Hummeln gleich ist, was deine Golffreunde über sie denken. Hummeln können fliegen, und damit basta!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Es war offenkundig allzu optimistisch von mir zu glauben, ein weibliches Individuum möge jemals in der Geschichte des Empire in der Lage gewesen sein, den logischen Schlußfolgerungen seines Gatten zu folgen!«</span></span></p>
<p style="text-align:left;"><span style="font-size:12pt;color:white;font-family:&quot;">»Nun gut, wenn du meinst, mein Lieber. Dann sei so gut, und iß im Namen von King George deinen Porridge auf, so daß wir endlich zum Ende kommen können. Zur Belohnung werden wir einstweilen Hummeln Hummeln sein lassen…«</span></p>
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		<item>
		<title>Hauptteil &#8211; 2. Kapitel: Schattenspiel (1)</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 13:44:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>terralucida</dc:creator>
				<category><![CDATA[Terra lucida - Hauptteil (1. Buch)]]></category>
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		<description><![CDATA[Kaum eine Woche nach der Auseinandersetzung mit ihren Eltern standen Emmas Koffer fertig zur Abreise auf dem Bahnsteig. Es war ein naßkalter, wolkenverhangener Tag. Eine dünne Schicht von Schnee lag, unentschlossen, ob er zu schmelzen beginnen sollte oder nicht, auf den Bürgersteigen. Mr. und Mrs. Clock hatten ihre Tochter mitsamt dem kleinen Kaktus auf ihrer [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=terralucida.wordpress.com&amp;blog=5770791&amp;post=31&amp;subd=terralucida&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Kaum eine Woche nach der Auseinandersetzung mit ihren Eltern standen Emmas Koffer fertig zur Abreise auf dem Bahnsteig. Es war ein naßkalter, wolkenverhangener Tag. Eine dünne Schicht von Schnee lag, unentschlossen, ob er zu schmelzen beginnen sollte oder nicht, auf den Bürgersteigen. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Mr. und Mrs. Clock hatten ihre Tochter mitsamt dem kleinen Kaktus auf ihrer Schulter zum Bahnhof gebracht. Emmas Mutter warf einen unruhigen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie war in Eile, denn für diesen Morgen hatte sie eine große Operation geplant. Es würde ihr keine Zeit bleiben, die Ankunft des Zuges abzuwarten, der ihre einzige Tochter nach Rumänien bringen sollte. Mit Tränen in den Augen sagte sie Emma, die ihre Mutter keines Blickes würdigte, Lebewohl. Desto inniger verabschiedete sich das Mädchen von seinem Vater, der sich bemühte, seiner Tochter für die lange Reise in das fremde Land Mut zuzusprechen. Doch die wohlgemeinten Worte des Vaters schienen ungehört von Emma abzuprallen. Sie verstand noch immer nicht, was mit ihr geschah. Und sie fühlte sich im Stich gelassen. Emma war die ständigen Streitereien leid, doch sie sah nicht ein, daß die vorläufige Trennung der Eltern Grund genug sein sollte, sie einfach fortzuschicken. Das Mädchen fragte sich, ob noch etwas anderes dahinter steckte. Emma verließ ihre vertraute Umgebung nur ungern. Was würde sie im fernen Rumänien erwarten? Sie hatte gelesen, daß es der Legende nach in Rumänien Vampire und allerlei düstere Schattenwesen gab. Die Vorstellung, einem dieser Blutsauger zu begegnen, war nicht gerade ermutigend. Auch war ihr die Landessprache fremd, und selbst mit ihrer Großmutter verband Emma nur eine vage Erinnerung. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Die Eltern wünschten ihr zum Abschied viel Glück. Als sie den Bahnsteig verlassen hatten, blieb das Mädchen traurig zurück. Den Kopf voller wehmütiger Gedanken beobachtete Emma den stillen Tanz der sacht zur Erde rieselnden Schneeflocken. So wartete das Mädchen am Bahnsteig zu Gleis 13 auf den Transsylvanien-Expreß. Nach einer Weile brach Paddy das Schweigen: »Emma, du hättest dich von deiner Mutter verabschieden sollen. Sie hat dich doch lieb, bestimmt!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Wozu? Sie war in Eile. Immerhin ist sie eine bedeutende Ärztin und trägt eine große Verantwortung. Ihre Patienten würde sie niemals warten lassen. Die Arbeit ist ihr Leben. Die Arbeit ist ihr wichtiger als alles andere. Wichtiger als ich«, antwortete Emma trotzig.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Das glaube ich nicht«, widersprach Paddy, der es sich auf Emmas Schulter gemütlich gemacht hatte. »Deine Mutter versucht, nach Kräften für die Familie zu sorgen, nun, da dein Vater so krank geworden ist. Es ist ein Glück, daß sie eine gutbezahlte Arbeit hat. Das ist nicht selbstverständlich, heutzutage! Wirklich, Emma, du hättest ihr ›auf Wiedersehen‹ sagen sollen. Wer weiß, wie lange wir in Rumänien festsitzen. Nein, das war nicht recht von dir.«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich möchte jetzt nicht länger darüber nachdenken, Paddy. Laß uns bitte vorerst nicht mehr von meiner Mutter sprechen, hm?« sagte Emma und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Paddy bemerkte die Tränen in Emmas dunklen Augen und schwieg. Wenige Minuten später ertönte eine sachlich klingende, männliche Stimme aus den Lautsprechern, die überall auf dem Bahnhofsgelände angebracht waren: »Achtung, Reisende nach Rumänien! Auf Gleis dreizehn fährt ein der Transsylvanien-Expreß von Hamburg nach Bucuresti über Würzburg, München, Linz, Wien, Budapest, Hermannstadt – letzter Halt ist Bucuresti Nord. Bitte Vorsicht an der Bahnsteigkante!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma blickte in Richtung des sich nähernden Zuges. Für einen Moment schien es, als zwinkere ihr die Lokomotive aus ihren großen, hellen Scheinwerfern aufmunternd zu. Ächzend, zischend und schnaubend wie ein Streitroß kam der Zug schließlich zum Stehen. Reisende drängten über die Treppen auf den Bahnsteig. Einige unter ihnen schienen eine sonderbare Hektik zu verbreiten. Sie stoben ziellos und wirr auseinander, als wüßten sie nicht, wohin. Andere steuerten, geradlinig und ohne zu zögern, eine der geöffneten Türen an. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Aufmerksam musterte Emma die Reisenden. Manche sahen aus wie hilflos Suchende. Blutleer irrten sie durch das Gedränge. Eine ohnmächtige Anspannung zeichnete ihre hageren Gesichter. Emma schauderte. Die bizarren Gestalten waren totenblaß; lediglich ein zarter, kaum wahrnehmbarer, blauer Schimmer überdeckte ihre verknöcherten Gesichtszüge. Sie wirkten wie Schatten ihrer selbst.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Unvermutet löste sich ein uniformierter Mann aus der Menge. Er kam zielstrebig auf Emma zu und fragte: »Fräulein Emma Clock?« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Das Mädchen zuckte zusammen. Doch sogleich bemerkte Emma die gesunde Gesichtsfarbe des kleinen, dicklichen Gepäckträgers. Seine Wangen waren rundlich und angenehm gerötet. Sein freundliches Lächeln wirkte arglos und aufmunternd.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ja?« sagte Emma.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Dein Vater hat mich beauftragt, das Gepäck für dich ins Abteil zu bringen. Möchtest du nicht einsteigen und dir einen schönen Fensterplatz sichern?«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nicht nötig, ich habe eine Platzreservierung«, gab Emma zur Antwort.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Laß mal sehen.« Der Gepäckträger beugte sein rundliches Gesicht über Emmas Fahrkarte. »Hm, hm. Platz 8, Abteil 13, Abschnitt E. Hm, das ist ganz hinten. Folge mir!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma ergriff ihre Reisetasche, sodann folgte sie dem dicklichen Mann bis zum Ende des Zuges und ließ sich beim Einsteigen von ihm helfen. Das Abteil mit der Nummer 13 lag im allerletzten Waggon. Der Träger verstaute Emmas Gepäck und wünschte ihr eine gute Reise. Kaum war er verschwunden, nahm Emma ihren stacheligen Freund von der Schulter und bettete ihn mitsamt seinem Reisetöpfchen auf einen der leeren Plätze.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Etwas an diesem Zug war merkwürdig. Von außen betrachtet, glich er einer hochmodernen Eisenbahn. In seinem Inneren jedoch sah er aus wie ein uraltes, liebevoll restauriertes Spielzeug. Die Einrichtung entsprach dem Stil der zwanziger Jahre. Im letzten Waggon gab es ausschließlich geschlossene Abteile mit Gardinen an den Innentüren. Emma plazierte sich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Es war noch früh am Morgen, und als der Zug sich in Gang setzte, dauerte es nicht lange, bis sie, mit Paddy an ihrer Seite, eingeschlafen war. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Nach einer Weile war ihr, als habe sie ein Geräusch gehört. Im Halbschlaf sah sie eine hagere, schattenhaft vor sich hin murmelnde Gestalt auf dem Gang vorüberhuschen. Emma blinzelte schläfrig. Wenig später war ihr, als werde die Tür ihres Abteils zur Seite geschoben. Eine schwarzhaarige Frau steckte den Kopf zur Tür herein, blickte sich suchend um, und sagte: »Oh, entschuldige, Emma. Ich wußte nicht, daß du eingeschlafen warst.« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, zog die Frau ihren Kopf wieder zurück, die Tür fiel ins Schloß, und die Erscheinung war verschwunden. Verwirrt rieb Emma sich die Augen. Woher kannte diese mysteriöse Frau ihren Namen? Seltsam. Oder träumte sie? </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Endlich, es war schon fast Mittag, da erschien der Zugschaffner und verlangte Emmas Fahrkarte zu sehen. Er war ein freundlicher, älterer Herr mit silbergrauem Haar und dunklen Knopfaugen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Na, meine Kleine? Da bist du wohl ganz allein auf deiner Reise?« sagte er in großväterlichem Ton.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nein«, erwiderte Emma ernst und deutete auf den Platz neben dem ihren, wo Paddy es sich in seinem Reisesandtöpfchen gemütlich gemacht hatte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Oh, verstehe«, nickte der Mann, der tatsächlich überhaupt nichts verstand, »und hast du auch eine Fahrkarte für deinen kleinen Freund?« Als Emma mit ernster Miene den Kopf schüttelte, fügte er hinzu: »Ach, da habe ich wohl etwas verwechselt. Warte mal.« Der Schaffner machte ein angestrengtes Gesicht, während er aus seiner großen, schwarzen Tasche einen Stapel wichtig aussehender Papiere und Tabellen hervorkramte. »Hm«, brummte er.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Sogleich begann er, in den Tabellen zu wühlen und geschäftig mit den Papieren zu rascheln. Nach einer kleiner Weile zog er die Stirn in Falten und sagte: »Ah, da haben wir’s ja. Vorschrift 1362 §§6-8c: »Kleine grüne Gesellen dürfen an Freitagen ohne Fahrschein reisen, sofern sie in Begleitung junger Damen sind – aber nur, und das ausschließlich, an ungeraden Tagen. Hm, hm, hm.« Er zog seine buschigen Augenbrauen in die Höhe. »Nun, kleine Dame, welchen Tag haben wir denn heute?«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Heute ist Freitag, der dreizehnte Januar«, sagte Emma gelassen. Mit ihren dunklen, tiefblauen Augen blickte sie ihr Gegenüber ernsthaft und fast ein wenig mitleidig an.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nun, da haben wir ja noch mal Glück gehabt!« rief der Schaffner erfreut aus.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Das ist kein Glück«, entgegnete Emma mit unveränderter Miene. »Fahrscheine werden von Menschen gemacht. Menschen benötigen Fahrscheine, um sich in Zügen und Flugzeugen fortzubewegen. Pflanzen hingegen brauchen keine Fahrscheine.«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Sondern?« fragte der Silbergraue interessiert.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Den Wind, das Wasser oder: Menschen. Außerhalb ihres natürlichen Lebensraumes benötigen Pflanzen Menschen, um sich fortzubewegen. Menschen graben Pflanzen aus der Erde und bringen sie an fremde Orte. Pflanzen brauchen keine Fahrscheine. Sie benutzen Menschen wie Naturkatastrophen, um an ferne Orte zu gelangen«, bekundete Emma, als verstehe sich diese Antwort von selbst.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Du bist ein erstaunliches Mädchen«, bemerkte der Schaffner, dem offensichtlich nicht aufgefallen war, daß Emma sich ein wenig über ihn lustig machte. »Viel Glück auf deiner Reise!« fügte er hinzu und verschwand. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich hab’ Hunger«, gähnte Paddy, der gerade aufwachte, als die Tür ins Schloß fiel. Emma holte ein Paket mit Butterbroten und eine Thermosflasche mit heißem Kakao aus ihrer Reisetasche hervor und stellte alles auf den kleinen Klapptisch unter dem Fensterbrett.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Und ich? Und ich?« quengelte Paddy, während Emma lächelnd in ihrer großen Tasche nach der Dose mit den Sandkuchen fischte, die sie heimlich zu Hause eingepackt hatte. Paddy war nämlich ganz versessen auf Sandkuchen. Ja, da war die Kuchendose. Emma würde ihm später, sobald er sich ein wenig beruhigt hatte, ein Stückchen geben. Jetzt war er hellwach und hüpfte aufgeregt auf seinem Sitz auf und ab. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Setz mich hoch, setz mich ans Fenster!« forderte der kleine Kaktus. »Ich möchte aus dem Fenster sehen!« Geduldig hob Emma Paddy mitsamt seinem Reisetöpfchen auf den begehrten Fensterplatz. Die vorüberziehenden Landschaften versetzten den kleinen Kaktus in unbändige Begeisterung. Er drückte sich die Stacheln an der Scheibe platt, um bloß nichts zu verpassen. Und auch Emma hatte ihre Freude an Paddys Reiselust. Während er fasziniert seine nahen und fernen Verwandten aus der botanischen Welt begrüßte und ihnen von seinem Platz aus zuwinkte, verzehrte Emma in aller Ruhe ihre Brote. Unterdessen dachte sie über die Zukunft nach. Sie war gespannt auf ihre Großmutter, die ein Geheimnis zu umgeben schien. Als kleines Mädchen hatte sie oft nach ihrer Grandma gefragt, doch zumeist war sie mit einer knappen Antwort abgefertigt worden, oder die Eltern hatten rasch das Thema gewechselt. So kam es, daß Emma beinahe nichts über sie wußte. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Wenig begeistert war Emma über die Aussicht, ein Internat zu besuchen. Sie sprach kein Wort rumänisch – wie sollte sie da dem Unterricht folgen? Auch die Sitten und Gebräuche des Landes waren ihr fremd. Emma seufzte, während Paddy am Fenster auf- und abhüpfte und ausgelassen winkte. Nachdem Emma ihren kleinen Imbiß beendet hatte, kramte sie den Sandkuchen aus der mitgebrachten Dose hervor.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Paddy?« lockte sie leise. »Paddy? Sieh doch mal, was ich hier haaabe!« Paddy wandte sich ihr zu und schnüffelte. Neugierig hüpfte er aus seinem Topf hinaus, vom Fensterbrett hinunter direkt auf Emmas Schoß. Emma hielt die Dose mit dem köstlichen Sandkuchen hoch in die Luft, damit Paddy den Inhalt nicht sehen konnte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Was ist das? Zeig schon! Das riecht nach &#8230; Ooooooh! Sandkuuuuchen!« Emma senkte ihren Arm und ließ Paddy die Kuchendose mit seinen stacheligen Händen greifen. Er fischte sich das größte Stück heraus und steckte es genüßlich zwischen seine goldgelben Kiefer.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ooooh!« schmatzte er genüßlich. »Welch ein Hochgenuß! Oh! Welch ein Labsal! Oooooooh!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Süß, wie du übertreibst, Paddy!« lächelte Emma und blickte aus dem Fenster. Das sanfte Scheppern des Zuges stimmte sie wehmütig. Die Vergangenheit glitt an ihr vorüber, während sie in Gedanken versunken ihre Gefühle zu ordnen versuchte. Tief in ihrem Inneren brannte sie darauf, ihre geheimnisumwitterte Grandma endlich kennenzulernen. Sie kannte ihre Großmutter väterlicherseits nur aus den wenigen, sehr vagen Erzählungen ihres Vaters. Selbst in Schottland, der Heimat ihres Vaters, sprach man nicht viel von ihr, so schien es. Tallulah Clock war so etwas wie das »Schwarze Schaf« der Familie. Immerhin hatte Emma gehört, daß ihre Großmutter als junge Frau ein zügelloses Leben geführt habe. Zahlreiche Affären mit einflußreichen Männern sagte man ihr nach, bis sie eines Tages ihren späteren Ehemann kennenlernte und die schottische Heimat Hals über Kopf verließ, um mit ihm nach Rumänien zu gehen. Aus unerklärlichen Gründen schien man in der Familie Clock nicht gern über sie zu sprechen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma ließ den Blick in die Ferne schweifen, und mit einem Mal war ihr, als gleite alle Zeit der Welt an ihrem Fenster vorüber. Eine ernstliche Furcht vor dem Wiedersehen mit ihrer Großmutter empfand sie nicht. Und doch verspürte sie ein ungutes Gefühl, das wie eine gesichtslose Vorahnung von ihr Besitz ergriffen hatte. Doch mit jeder flüchtigen Minute fühlte sich Emma ruhiger und entspannter, vielleicht sogar ein wenig erwachsener. Sie ließ ihren Gedanken freien Lauf. Was auch immer sie dort, im fremden Transsylvanien, erwartete, sie würde damit fertig werden. Vielleicht würde sie sogar neue Freunde gewinnen … </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Bald war das Mädchen eingeschlafen. Der Zug aber eilte unaufhaltsam einer nicht meßbaren Zeit entgegen. Als Emma die Augen wieder öffnete, hatte sich der Himmel verdunkelt. Sie hatte tatsächlich den halben Tag verschlafen. Im Halbdunkel zog eine Gruppe gigantischer Wolkenformationen vorüber. Gemächlich schwebten sie über die schneebedeckte Landschaft hinweg. Mit verschlafenem Blick folgte Emma dem schattenhaften Himmelsgrau, als sich plötzlich in einem der luftigen Kolosse ein unheimliches Augenpaar formte. Gebannt beobachtete Emma das himmlische Schauspiel. Kurz darauf waren Nase, Mund und die Konturen eines uralten Gesichts zu erkennen. Emma wurde seltsam leicht zumute, als das himmlische Grau zu sprechen begann:</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;"> </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><em><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Es gleitet dahin, durch Trug und Wind,</span></span></em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><em><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">das Magische Mädchen, noch ist es blind!</span></span></em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><em><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Das Dunkel weicht, die Zeit verrinnt,</span></span></em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><em><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">eile dich, Mädchen, eile geschwind! </span></span></em></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;"> </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Wieder und wieder hauchte die heisere Stimme ihre Verse der untergehenden Sonne entgegen. Emma nahm ihre Umgebung wie durch einen dünnen Schleier wahr. Träumte sie? Kaum mehr vermochte sie zwischen Traum und Wachzustand zu unterscheiden. Doch ehe sie weiter nachgrübeln konnte, breitete ein tiefer, traumloser Schlaf seine Arme um sie.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Allmählich ließ sich das sterbende Abendrot von einem undurchdringlichen Grau verschlingen, das dem Zug widerstrebend Platz zu machen schien. Je näher der Zug seinem Ziel rückte, desto zäher wurde die dunstige Masse grauer Nebelschwaden, die sich unheilvoll und bedrohlich um den Zug sammelte. Emmas traumloser Schlaf wandelte sich mehr und mehr in einen nebulösen Wachtraum. Mit geschlossenen Augen blickte das Mädchen hinab auf sich selbst. Es sah die eigene Gestalt schlafend mit Paddy an der Seite auf den Polstern des altmodischen Zugabteils kauern, während eine nebelhafte Armee der Finsternis durch die wolkenschweren Lüfte patrouillierte. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Ungewöhnlich war, daß Emma keinerlei Angst verspürte. Mit ruhigen, regelmäßigen Atemzügen, wie hypnotisiert, beobachtete sie sich selbst inmitten jenes bizarren Schauspiels am Rande der Wirklichkeit: Die Vorhänge an der Tür zum Innengang waren beiseite geschoben. Es war totenstill. Mit bleiernem Schweigen schien die Nacht Einzug zu halten. Kein Geräusch war zu hören. Paddy, der gewöhnlich laut schnarchte, ruhte friedlich auf seinem Sitz. Auch der Zug machte kein Geräusch – kein Scheppern, kein Rattern, kein Ächzen, nicht einmal ein leises Surren vermochte die neblige Stille jener traumhaften Wirklichkeit zu durchdringen. Lautlos, ohne die geringste Erschütterung, glitt der Zug durch das lebendige Schwarz hindurch immer tiefer und tiefer hinein in das Schattenwerk der Zukunft. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Da, plötzlich, löste sich eine schemenhafte Gestalt aus dem Dunkel. Im Vorüberhuschen spähte die Erscheinung durch die geschlossene Glastür in Emmas Abteil. Dann verschwand sie in das neblige Nichts, aus dem sie gekommen war. Wie elektrisiert starrte Emma in die Schwärze des Ganges, der sich hinter der gläsernen Tür auftat. Da, wieder glitt eine graue Gestalt vorüber. Es schien, als bewegten sich jene unheimlichen Wesen in einer Art von Schwebezustand, halb gehend, halb gleitend, durch die zähe, feuchtschwere Luft. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Da! Wieder löste sich eine Gestalt aus dem Nebel. Ihre Umrisse verdichteten sich, und bald erkannte Emma einen schmalgesichtigen Mann mit Schirm und Melone. Die gläserne Tür glitt beiseite. Im Vorübergehen murmelte der Fremde mit besorgter Miene: »Die Zeit! Die Zeit! Ich habe sie verloren. Ich habe die Zeit verloren. Ohne meine Zeit bin ich auf ewig verloren!« Dabei fuchtelte er wild mit seinem Schirm, als kämpfe er gegen unsichtbare Gegner. Dann verschwand er in der Dunkelheit. Die Zeit verloren? Was hatte er nur damit gemeint? </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Sekunden später schwebte eine majestätisch gekleidete Dame daher. Ihre altmodischen Gewänder knisterten und raschelten bei jeder Bewegung. Das kindlich wirkende, weich geschwungene Gesicht der Frau wurde durch ein prachtvoll drapiertes Geflecht aus fülligem, schwarzem Haar umsäumt. Ihr Kleid war aus purpurfarbenem Samt gearbeitet und mit aufwendigen Stickereien verziert. Ein mit weißen Rüschen besetzter Stehkragen umrahmte ihr hoheitsvolles Gesicht. Ihre schmale Taille wurde durch die Weite eines glockenhaft über ihre Hüften fallenden Rockes zusätzlich betont. Die Frau murmelte einige, beinahe unverständliche Worte vor sich hin: »Wo ist der Torwächter? Wo ist der Torwächter? Ich muß zurückkehren!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Dann, wieder waren einige Sekunden verstrichen, glitt ein schwarzhäutiger Mann mit einem mächtigen, weißen Turban, der beinahe so groß war wie sein Bauch, an Emmas Tür vorbei. Er flüsterte hektisch: »Der Torwächter ist tot! Der Torwächter ist tot! Der Fluch des Thanatos hat ihn eingeholt!« Emma rieb sich verwundert die Augen. Sah sie Gespenster? Wer waren all diese Gestalten? Waren es Menschen oder bloße Abbilder von Menschen? Woher waren sie gekommen? Und was bedeutete das? </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Schon sah Emma die nächste Gestalt an ihrem Abteil vorübereilen. Es war ein junger Mann mit wilden, blonden Locken und stahlblauen Augen. Auch er war ein Gejagter: »Das Fenster! Wo ist das Fenster? Ich muß zurückfinden, ehe der Tag anbricht! Sonst bin ich verloren! Ich muß den Weg finden! Wo ist das Fenster?« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Unterdessen preschte der Zug unaufhaltsam weiter durch das nebulöse Grau. Ein eiskalter Windhauch fegte die Tür ins Schloß. Emma war irritiert. Ungläubig betrachtete sie ihr schlafendes Selbst. Wie war das möglich? Es war doch nur ein Traum! Träume waren nicht wirklich, nicht real! Oder vielleicht doch? </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Paddy schlief ruhig und friedlich. Eine Weile trug der Zug das träumende Mädchen stumm durch die inzwischen tiefschwarze, unheilverkündende Nacht. Plötzlich wurde die Abteiltür zur Seite geschoben. Da stand, wie aus grünem Nebel gegossen, der schlafende Paddy. Er schien kein bißchen verwirrt oder gar müde zu sein. So stand er in der Tür, während sein kleiner Körper schlafend auf dem Sitz neben Emma ruhte. Unbekümmert begann er zu sprechen: »Hey, Emma! Wach auf! Wir sind gleich da! Hier ist was los, sage ich dir! Lauter merkwürdige Leute habe ich auf dem Gang getroffen. Aber die haben mich nicht mal beachtet. Als wäre ich Luft, so sind die Erscheinungen an mir vorbeigerannt! Unhöfliche Gesellen! Wach auf! Hey, Emmaaaaa!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Paddy schien aus Leibeskräften zu brüllen, und mit einem Mal wurde Emma wie ein Geist, der in Blitzesschnelle in seine Flasche zurückfährt, in ihren erwachenden Körper zurückgezogen. Für Sekunden war ihr von dem betäubenden Sog, der sie mit Macht überwältigt hatte, schwarz vor Augen. </span></span></p>
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		<title>Hauptteil &#8211; 1. Kapitel: Ein Spaziergang im Schnee</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 13:42:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>terralucida</dc:creator>
				<category><![CDATA[Terra lucida - Hauptteil (1. Buch)]]></category>
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		<description><![CDATA[An jenem winterlichen Sonntagmorgen lag eine wundersame Stille über dem Haus der Familie Clock, als die zwölfjährige Emma erwachte. Das Mädchen lag mit geschlossenen Augen da und lauschte den eigenen, regelmäßigen Atemzügen. Noch hatte der Schlaf seinen sanften Schleier nicht ganz und gar gelüftet, und noch immer fühlte sich Emma als ein Teil jenes fremden [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=terralucida.wordpress.com&amp;blog=5770791&amp;post=29&amp;subd=terralucida&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">An jenem winterlichen Sonntagmorgen lag eine wundersame Stille über dem Haus der Familie Clock, als die zwölfjährige Emma erwachte. Das Mädchen lag mit geschlossenen Augen da und lauschte den eigenen, regelmäßigen Atemzügen. Noch hatte der Schlaf seinen sanften Schleier nicht ganz und gar gelüftet, und noch immer fühlte sich Emma als ein Teil jenes fremden Landes, das sie in ihrem Traum bereist hatte, da begann die Erinnerung an die phantastischen Abenteuer, die sie in der vergangenen Nacht durchlebt hatte, zu verblassen. Schlaftrunken ruhte das Mädchen an der Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit, und beinahe bedauerte es, die wunderbare Traumwelt verlassen und zum Leben erwachen zu müssen. Eine Weile blieb Emma reglos liegen. Sie horchte in die Stille des Raumes hinein, dann richtete sie sich auf. Noch herrschte die Dunkelheit mit magischer Macht über Emmas kleine Welt, als das Mädchen die Bettdecke zurückstreifte, aufstand und zum Fenster ging. Emma blickte hinaus in die sternklare Nacht, die sich noch nicht entschlossen hatte, dem anbrechenden Tag zu weichen. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">An diesem besonderen Morgen schien es Emma, als leuchteten die Sterne in einem sehnsuchtsvollen Blau vom Himmel auf sie herab. Sie wollte eben das Fenster öffnen und die klare Morgenluft mit einem tiefen Zug einatmen. Sie beugte sich dicht über das Fensterbrett, als plötzlich-</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Aua!« meldete sich eine ihr wohlbekannte Stimme vorwurfsvoll.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Oh! Entschuldige, Paddy! Habe ich dich aufgeweckt?« Emma trat rasch einen Schritt zurück und beugte sich hinab zu dem kleinen stacheligen Gewächs, das in einem mit Sand gefüllten Blumentopf auf ihrem Fensterbrett stand und sich in dieser Sekunde ausgiebig räkelte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Uuuiiiaaaaaaaah! Es ist ja noch mitten in der Nacht!« gähnte das grüne Gewächs aus voller Kehle.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ach, ich wollte nur das Fenster öffnen, dabei muß ich dich angestupst haben. Tut mir leid, ich wollte dich nicht aufwecken«, sagte Emma und ließ sich vom Gähnen ihres Zimmergenossen anstecken.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Hab’ ich dich etwa in den Bauch gepikst?« grinste der kleine Frechling, der weder Mensch noch Tier war. Paddy war ein kleiner, aufgeweckter, grüner, stacheliger Kaktus, dessen voller Name Sir Paddington Grusonii lautete.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Beinahe!« schmunzelte Emma und schlüpfte in ihre Jeans und das T-Shirt, das sie am Abend zuvor über die Stuhllehne geworfen hatte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Tjaja, ich kann nun mal nicht heraus aus meiner Haut«, erwiderte der kleine, grüne Stachelkopf und räkelte sich genußvoll. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Und ich vergesse immer wieder, daß du für deine Größe ganz schön frech bist! Warte nur, ich hab’ dich lange nicht mehr abgebraust &#8230;« Emma machte ein gespielt drohendes Gesicht.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Wasser? Bäääh!« Paddy zog einen Flunsch und schüttelte seine spitzen, goldgelben Stacheln in alle Himmelsrichtungen. Dann verschränkte er die kurzen Arme und fügte hinzu:</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Das meinst du doch nicht ernst, oder? Wenn du mich unter die kalte Dusche stellst, hole ich mir einen Schnupfen, und dann sollst du mal erleben, was es heißt, mit einem niesenden, hustenden, prustenden Echinokaktus das Zimmer zu teilen. Oh ja, und wenn ich mir dann eine Infektion zuziehe und am Ende an Naßfäule elend zugrunde gehe, jaja, dann wirst du schon merken, was du in den guten alten Zeiten an mir hattest!« Emma streifte sich ihren Lieblingspullover über und schüttelte schmunzelnd den Kopf:</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Du bist nicht nur wasserscheu, mein Freund, ein richtiger kleiner Dramatiker bist du!« lachte sie. »Sei bloß froh, daß du kein kleiner Junge bist. Sonst müßtest du dich täglich waschen und sogar die Zähne putzen!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Iiiiiiiihhh!« rief Paddy aus und schüttelte sich voller Abscheu.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Pst. Sei mal still!« sagte Emma, die die Zimmertür vorsichtig geöffnet hatte und nun ins dunkle Treppenhaus spähte. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich habe etwas gehört. Ich glaube, Mama ist aufgestanden«, flüsterte das Mädchen. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emmas Eltern durften nicht erfahren, daß sie mit ihrem Zimmergenossen sprach. Sie hielten Paddy für irgendein lebloses Gewächs, und sie sahen es nicht gern, daß Emma mit ihrem stacheligen Gefährten redete, statt mit gleichaltrigen Jungen und Mädchen Freundschaften zu schließen. Emma erinnerte sich nur zu gut an das Donnerwetter, als Tante Kunigunde sich eines Sonntags bei einem ihrer unerwünschten Besuche auf Paddys Kopf gesetzt hatte. War das ein Tohuwabohu gewesen! Emma hatte nicht aufgepaßt und den kleinen Kaktus für einen Moment auf dem großen Ohrensessel im Wohnzimmer abgesetzt, als Mrs. Clock plötzlich Emmas Namen gerufen hatte. Emma war zu ihr in die Küche gelaufen, und als die dicke Tante von ihrem ausgiebigen Toilettengang zurückgekommen war, hatte sie sich mit ihrem großen, behäbigen Hinterteil auf den Sessel niederlassen wollen. Und gerade, als sie den armen Paddy schon beinahe zerquetscht hatte, nun, da hatte er sich schließlich zur Wehr setzen müssen – so war es passiert! Paddy hatte seine allerdicksten Stacheln ausgefahren, und Tante Kunigunde war schreiend aufgesprungen und wie von einer Tarantel gestochen im Wohnzimmer umhergehüpft. Während sie sich das schmerzlich angestochene Hinterteil hielt, hatte die Tante Emma »eine verrückte kleine Göre« genannt, die nichts als Unsinn im Kopf habe. Es dauerte fast zwei Stunden, bis der Arzt mit einer Pinzette alle Stacheln aus dem Allerwertesten der Tante herausgezupft hatte. Später hatte Tante Kunigunde drei jammervolle Wochen lang »auf halber Pobacke« sitzen müssen. Das hatte urkomisch ausgesehen, aber Mr. Clock war über diesen kleinen Unfall sehr, sehr wütend geworden. Überhaupt sei es merkwürdig, einen Kaktus »Sir Paddington Grusonii« zu nennen, hatte er geschimpft. Und ihre Mama hatte Emma zu erklären versucht, daß ein Kaktus nun einmal nicht lebendig und darum kein ordentlicher Spielgefährte sei. Man könne schließlich nicht mit ihm spielen oder ihn gar streicheln wie ein Haustier. Emma hatte geschwiegen. Sie hatte es schon lange, lange zuvor aufgegeben, ihre Eltern von der Tatsache zu überzeugen, daß es auf der ganzen Welt keinen treueren Freund als Paddy geben konnte. Emma war von jeher ein stilles, in sich zurückgezogenes Mädchen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Titus und Elizabeth Clock waren zerstritten, seit Emma denken konnte. Sie hatte gerade laufen gelernt, als sie eines Abends die Eltern wieder einmal heftig streiten hörte. Es war schon weit nach Mitternacht, und eigentlich hätte das Mädchen längst schlafen sollen, da schlich sich Emma leise ins Treppenhaus. Von dort belauschte sie die Auseinandersetzung der Eltern. Schon damals hatten sie sich laut angeschrieen und eine Menge Geschirr zerbrochen. Und genau so war es auch heute. An Weihnachten stritten sie gewöhnlich besonders lautstark und heftig. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emmas Vater stammte aus Schottland. Vor vielen Jahren war er aus Liebe seiner Frau nach Deutschland gefolgt. Nach und nach hatte er sich im Rheinland eine Existenz als Rechtsanwalt aufgebaut. Doch nach seinem zweiten Herzinfarkt mußte er seine Anwaltskanzlei aufgeben. Emmas Mutter war sehr erfolgreich als Chirurgin. Leider verbrachte sie weitaus mehr Zeit in der Klinik als zu Hause. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">An den Wochenenden gab es im Hause der Familie Clock fast immer Streit. Manchmal begannen Emmas Eltern schon vor dem Frühstück, aneinander herumzunörgeln. Häufig ging es um belanglose Kleinigkeiten. Emma hatte stets versucht, sich daran zu gewöhnen. Doch ohne Erfolg. Ihre Angst, daß die Eltern sich einmal voneinander trennen könnten, schien im Gegenteil täglich zu wachsen. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Zuweilen fand Emma Trost bei dem Gedanken, daß sie nicht immer ein Einzelkind gewesen war. Ihr Zwillingsbruder war unmittelbar nach seiner Geburt gestorben. Die Eltern sprachen niemals von ihm. Emma aber hatte von jeher in Erfahrung bringen wollen, woran ihr Bruder gestorben war, und kaum hatte sie sprechen gelernt, begann sie, die Eltern nach ihm auszufragen. Doch Titus und Eliza Clock behaupteten stets, Emma sei zu jung, um die Umstände seines Todes vollends zu verstehen. Nach und nach hatte das Mädchen den Eindruck gewonnen, daß erst das Schweigen der Eltern seinen Bruder, dessen Namen es nicht kannte, wahrhaftig getötet hatte. Irgendwann hatte Emma schlicht aufgegeben, Fragen zu stellen. Und doch hatte sie niemals wirklich glauben wollen, daß ihr Zwillingsbruder »einfach so« gestorben war. Sie spürte, daß die Eltern ihr nicht die volle Wahrheit sagten. Wenn sie allein in ihrem Zimmer vor sich hin grübelte, fragte sie sich oft, wie es wohl wäre, einen Bruder zu haben. Emma fragte sich, ob ihre Eltern sich weniger streiten würden, wenn ihr Sohn nicht gestorben wäre. Im Laufe der Zeit hatte Emma gelernt, sich in ihre eigene Welt zurückzuziehen. Und ihr kleiner, stacheliger Freund Paddy war zu einem wichtigen Teil ihres Lebens geworden.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Welch ein herrlicher Morgen!« dachte Emma soeben. Mit einem Mal war sie hellwach und voller Tatendrang. Sie schloß die Zimmertür leise. Dann ging sie zum Fenster hinüber, schob Paddys Sandtöpfchen behutsam beiseite und öffnete es. »Die Luft ist herrlich! Was hältst du von einem Spaziergang im Schnee?«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nicht mit mir! Ich bin nicht gut zu Fuß«, antwortete Paddy mürrisch, bevor er sich einem hingebungsvollen Gähnen widmete. »Geh und frag ›Miss Schreck-in-der-Morgenstunde‹!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Bitte sehr, mein Herr! Wenn Sie in ihrem Sandtopf versauern möchten-« erwiderte Emma lächelnd. Sie schlich zur Tür hinaus auf den Gang, dann horchte sie noch einmal kurz nach den Eltern. Alles blieb still. Auf Zehenspitzen glitt sie die Treppen hinab bis ins Kellergeschoß. Dort, unter den Stufen der Kellertreppe, wohnte Pepperoni.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Pst«, sagte Emma leise und lauschte in die Stille hinein. Nichts rührte sich. Ihre Augen gewöhnten sich rasch an die Dunkelheit. Vorsichtig spähte sie zwischen den Treppenstufen hindurch. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Pst, pst. He Peppi! Schlafmütze! Wach auf!« zischte Emma ins Dunkel. Da, plötzlich, blitzten zwei strahlend gelbe Augen, hell wie Feuerbälle, unter der Treppe hervor. Pepperoni war aufgewacht. Aus ihren ausdrucksvollen Augen strahlte sie Emma an. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Na, Tigerin, hast du endlich ausgeschlafen?« lächelte Emma.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Uaaah!« gähnte Pepperoni und erhob sich gemächlich von ihrem weichen Ruhekissen. »Emmaaah! Ich hatte einen sooo süßen Trauuum. Hmmmh!« schnurrte sie und begann, ihre verschlafenen Glieder genüßlich zu recken und zu strecken.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Dann erzähl ihn mir draußen, ja? Ich möchte Mama und Paps nicht aufwecken. Laß uns einen Spaziergang machen, hm?«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Oh! Es ist ja noch ganz dunkel. Laß mich ein bißchen weiterträumen, hmmmh!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Draußen dämmert es schon. Es hat geschneit, und die Sterne leuchten hell«, sagte Emma aufmunternd. Pepperoni verzog das Gesicht und murmelte: </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Bäh, Schnee! Da werden meine Pfötchen ja ganz naß. Nimm meinethalben den ›kleinen, grünen Giftzwerg mit‹, aber laß mich schlafen.«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ach, bis Paddy seine Füße aus dem Sand ausgegraben hat, ist der Schnee längst getaut«, entgegnete Emma. »Nun komm schon mit, Pepperoni. Etwas Bewegung täte dir gut.« Nach einer Pause fügte Emma mit hochgezogener Braue hinzu: »Ich sehe, daß du schon Bauchspeck angesetzt hast.«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Was?« Pepperoni war aufgesprungen. Blitzartig wechselte die Farbe ihres Fells von Schwarz nach Giftgrün. Die Nackenhaare standen ihr zu Berge, und sie machte einen Buckel. Pepperoni war eine Chamäleonkatze. Vermutlich die letzte ihrer Art. Je nach Stimmung und Gelegenheit wandelte sich die Farbe ihres Fells, ja selbst ihre Augenfarbe war veränderlich. Dabei war sie entsetzlich eitel und sehr darauf bedacht, sämtlichen Katern in der Nachbarschaft zu gefallen. Der Richtige war ihr zwar noch nicht über den Weg gelaufen, aber sie glaubte fest an die große romantische Liebe. Bisher war es allerdings noch niemals geschehen, daß Pepperoni ihr glänzendes Fell rot aufflammen ließ. Der freche Paddy hatte es sogar gewagt, ihr zu unterstellen, daß sie in Wahrheit gar nicht rot zu werden vermochte, zumal sie, Paddy zufolge, nicht einmal Schamesröte besaß. Doch Pepperoni hatte steif und fest behauptet, daß ihr Fell eines Tages in einem feurigen Rot erstrahlen würde. Sie sagte, sie könne diese heikle Farbe im Moment nicht anlegen, weil sie noch nicht wußte, wie es sich anfühlte, jemanden mit voller Leidenschaft zu lieben. Wenn aber der Richtige endlich käme, dann, ja dann würde sie das strahlendste Rot anlegen, das je eine Katze ihrer Art getragen hatte. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Waaas? Bauchspeck?!« Entsetzt blickte Pepperoni an sich hinunter. »Das ist nur mein Fell! Sieh doch, es wirft Wellen«, fügte sie rasch hinzu und streckte ihren Körper lang und länger, bis alle »Bauchwellen« verschwunden waren. »Es liegt nur an der Körperhaltung. Siehst du, ich habe eine perfekte Figur«, betonte die Katze und änderte ihre Farbe augenblicklich in ein dunkles Violett. Emma schmunzelte. Es war nur zu offensichtlich, daß die Eitelkeit Pepperonis Achillesferse war.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Also, ich weiß nicht &#8230;« sagte Emma stirnrunzelnd. »Nein, ich weiß wirklich nicht, also &#8230; vielleicht sollten wir doch nach draußen gehen. Hier im Dunkeln kann ich nicht genau beurteilen, ob du recht hast. Nicht einmal die Farbe deines Fells kann ich erkennen!« Mit einem großen Satz sprang die nunmehr zitronengelb angelaufene Pepperoni aus ihrem Versteck. Dann besann sie sich und nahm eine aufrechte Haltung an. Schließlich sollte Emma nicht merken, wie sehr sie sich um ihr Äußeres sorgte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Also gut! Laß uns an die frische Luft gehen«, säuselte die Chamäleonkatze, die ihre inzwischen königsblaue Schwanzspitze kokett hin- und herwedelte. »Das wird mir gut tun. Aerobic am Morgen vertreibt Schlummer und Sorgen!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Mit königsblauer Miene tänzelte sie leichtfüßig an Emma vorbei die Treppenstufen hinauf. Vor der Windfangtür im Erdgeschoß machte sie Halt.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Emma, Liebes, sei so gut und öffne mir. Ich bin noch nicht wach genug, um auf Türklinken herumzuspringen.« Hoheitsvoll setzte sich die Katze auf ihr wohlgeformtes Hinterteil und begann, sich mit der rechten Vorderpfote den Schlaf aus den Augen zu wischen. Dabei schnurrte sie selbstverliebt vor sich hin.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Pst«, machte Emma, die offenbar vergessen hatte, daß ihre Eltern Pepperonis Stimme gar nicht hören konnten, »nicht so laut! Du weckst ja das ganze Haus auf!« flüsterte sie. »Und nimm endlich wieder eine normale Farbe an, dieses Orange steht dir nicht.« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Pepperoni blickte erschrocken auf. Sie hatte gar nicht bemerkt, daß das Königsblau sich in ein knalliges Orange verwandelt hatte. Eine Sekunde später war sie so pechschwarz wie bei ihrer Geburt.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma öffnete die Tür zum Windfang langsam und vorsichtig, damit bloß kein Geräusch die Eltern aufweckte. Kaum war die Tür einen Spalt geöffnet, huschte etwas Schwarzes zwischen Emmas Beinen hindurch in die Garderobe. Von dort sprang Pepperoni wie ein geölter Kugelblitz auf das Waschbecken der Gästetoilette. Auf dem Waschbeckenrand sitzend warf die eitle Katzendame einen ausgiebigen Blick in den Spiegel. So blieb sie mit eitler Miene sitzen und begann, sich zu putzen, während ihre Schwanzspitze vergnügt auf und nieder glitt. Emma verdrehte die Augen. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Was für eine eitle, kleine Diva sie ist«, dachte sie und griff sich Schal und Mantel. Als ihr Blick in den Spiegel fiel, hatte sie für einen kurzen Moment den Eindruck, daß der kleine, weiße Hautfleck unterhalb ihres Halses ein klein wenig größer geworden sei. Sie zog den V-förmigen Ausschnitt ihres Pullovers gerade und wickelte den Schal um ihren Hals. Pepperoni kippte den Kopf vor dem Spiegel hin und her, wobei sie ihrem Spiegelbild mit den Augenwimpern zuklimperte. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Also wirklich, Pepps! Du bist schön genug!« bemerkte Emma. »Es ist noch nicht mal richtig hell draußen – und du?« Doch Pepperoni ließ sich nicht beirren. In aller Seelenruhe setzte sie ihre Morgentoilette fort.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Was meinst du, steht mir das?« fragte die Katze und strich ihre Barthaare in einem großen Bogen himmelwärts. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ha! Jawoll! Das paßt zu Eurer verschnupften Hochnäsigkeit, Majestät«, grölte Paddy, der wie aus dem Nichts hinter den beiden aufgetaucht war. Offenbar hatte er doch Lust auf einen Spaziergang bekommen, also war er flugs aus seinem gemütlichen Schlaftopf hinausgesprungen, und nun stand er auf seinen kurzen, grüngelben Wurzelfüßchen in der Tür und hielt sich den stacheligen Bauch vor Lachen. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Grüner Wicht!« schimpfte Pepperoni, die sich aufgebracht zu Paddy umgedreht hatte. Unwillkürlich hüllte sich ihr Körper in ein giftiges Grün, das ihr gar nicht gut »zu Fell« stand.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Hahahaha!« feixte Paddy. »Sieh mal in den Spiegel, Durchlauchtigste! Wer im Glashaus sitzt, sollte seine Geschäfte besser im Keller erledigen!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Oh!« Empört blickte die Katze in den Spiegel, der ihr den wenig schmeichelhaften Farbton entgegenhielt. Vor Schreck hatte sie ihre zuvor mit Spucke in Form gebrachten Barthaare losgelassen, und nun sträubten sie sich in alle Richtungen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Mach dir keine Sorgen, Teuerste. Es gibt ganz bestimmt irgendwo einen streunenden Kater, der auf deinen Damenbart abfährt!« Paddy bog sich vor Lachen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Du! Oh, du!« Pepperoni war mit einem Satz vom Waschbecken auf den Boden gesprungen. Nun sah sie wütend auf Paddy herab. »Giftiges Insekt, du!« Mit der offensichtlichen Absicht, dem frechen, kleinen Kaktus eine Lektion zu erteilen, hob sie drohend ihre Pfote. Blitzartig fuhr Paddy seine goldgelben Stacheln aus, und Pepperoni schreckte zurück.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Warte nur, Zwerg! Irgendwann krieg ich dich schon!« versetzte sie und stolzierte hoch erhobenen Hauptes und mit wehenden Barthaaren auf die verschlossene Haustür zu.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Hört endlich auf zu streiten!« sagte Emma und schritt entschlossen an den beiden vorbei. Sie öffnete die Haustür und blickte hinaus. Eine fast magische Stille lag über der schneebedeckten Landschaft. Pepperoni nutzte die Gelegenheit und schlüpfte an Emma vorbei ins Freie. Draußen angelangt, fuhr die vor Schreck ganz weiß gewordene Peppi ihre Krallen aus, um die unerwartete Rutschpartie zu bremsen. Buckelnd und fauchend schlitterte sie auf ihrem schneeweißen Hinterteil die vereiste Auffahrt hinab. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Iiiiiih! Ist das kalt!« hörten Emma und Paddy sie schreien. Emma griff sich geschwind den Hausschlüssel, schubste Paddy, der seine Stacheln wieder eingefahren hatte, durch die Tür hinaus in den Schnee, und beide rannten Pepperoni hinterher.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ist dir auch nichts passiert?« fragte Emma besorgt, als sie die Katze eingeholt hatte. Doch Pepperoni, die vor Ärger gleich wieder grün geworden war, hatte sich längst aufgerichtet. Sie zog die Augenbrauen empor, ganz so, als sei gar nichts geschehen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Bloß ein unbedeutendes Malheurchen«, säuselte sie, um von ihrer alles andere als grazilen Landung im Schnee abzulenken. »Wollen wir nun ein wenig gymnastiziiiieren?« Paddy war den beiden atemlos hinterhergeeilt. Mit seinen kurzen Beinchen blieb er in einigem Abstand hinter Emma zurück, und so erreichte er die beiden gerade noch rechtzeitig, um Pepperonis Bemerkung angemessen kommentieren zu können:</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ach, gymnastiziiiiiieren nennen wir das?« übertrieb er mit gespitzten Lippen. »Du meinst wohl ›herumstolzieren und unverheiratete Kater anbaggern‹, ist es nicht so, Eisprinzessin?!« Pepperoni beschloß, diese unwürdige Bemerkung nicht zu beantworten und Paddy statt dessen für den Rest des Tages mit Nichtachtung zu strafen. Aufrecht, die kleine Nase hoch in die Luft erhoben, schritt sie mit elegantem Hüftschwung den anderen voraus in die Winterlandschaft.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Etwa eine halbe Stunde lang waren die drei durch den Schnee gestapft bzw. gehüpft, denn Paddy mußte sich springend und hüpfend fortbewegen, um nicht mit seinen kurzen Wurzelfüßchen im tiefen Schnee steckenzubleiben, da begann Emma unvermutet zu weinen. Mitten im eisigen, schneebedeckten Wald war sie stehengeblieben, denn ihre Augen hatte sich mit Tränen gefüllt. Pepperoni war bereits voraus gelaufen und hinter einer kleinen Anhöhe verschwunden. Der kleine Paddy aber hatte Mühe, Emma zu folgen. Durch die anstrengende Hüpferei war er ziemlich aus der Puste geraten, und als er Emma endlich einholte, bemerkte er zu seiner Bestürzung ihre großen, blauschimmernden Tränen, die, zu winzigen Eisperlen gefroren, wie ein salziger Hagelschauer zu Boden fielen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Emma! Du weinst ja!« rief der kleine Kaktus besorgt aus, während er hektisch hin- und herhüpfend den herabfallenden Eistränen auszuweichen versuchte. »Was ist denn nur geschehen?!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ach«, schluchzte Emma leise, »es ist &#8230; Mama und Paps &#8230; Ich weiß es ja auch nicht &#8230;«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Was denn bloß?« fragte Paddy bestürzt.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich glaube &#8230; Ich fürchte, sie werden mich fortschicken &#8230;« brachte Emma weinend hervor.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Abbaabbaabba, wieso denn das?« stammelte Paddy, »woher &#8230; wie kommst du plötzlich darauf?«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich weiß es nicht genau &#8230; Es ist &#8230; eine Ahnung, vielleicht ist es aber auch mehr als das &#8230;« druckste Emma verzweifelt, während Paddy, auf der Flucht vor dem eisigen Tränenhagel, wie ein kleiner, grüner Schneeball vor ihren Füßen auf- und niederhüpfte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Emma, bitte hör doch mal &#8230;« japste Paddy in den Pausen zwischen Emmas Schluchzern. »Bitte, hör mir doch zu! Nimmst du mich auf deine Schulter? Ich kann nicht mehr.« Das Mädchen lächelte traurig, hob den kleinen Kaktus vom schneeweißen Boden auf und setzte ihn sich auf die Schulter. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ach, weißt du, Kleines, deine Eltern streiten sich, solange du denken kannst. Wieso sollten sie dich ausgerechnet jetzt fortschicken, hm?« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Weil &#8230; nun, vielleicht gibt es keinen richtigen Grund. Aber in der letzten Zeit, da habe ich immer wieder denselben Traum gehabt &#8230;«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Aber Träume haben doch gar nichts zu bedeuten. Sie haben mit dem wahren Leben nichts zu tun«, unterbrach Paddy.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich weiß nicht, Paddy, manchmal sehe ich in meinen Träumen klarer als im wirklichen Leben. Glaubst du nicht, daß Träume doch eine Bedeutung haben können?« fragte Emma hilflos.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Also, ich weiß es wirklich nicht &#8230; na ja, wenn überhaupt, dann bedeuten nur die guten Träume etwas. Alpträume sind Schäume. Du solltest sie schnell vergessen. Was genau hast du denn geträumt?«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich habe geträumt, daß Mama und Paps sich einen Sohn gewünscht haben. Ich glaube, sie sind enttäuscht, weil ich nur ein Mädchen bin.«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Das ist doch Unsinn!« meinte Paddy. »Deine Eltern sind wahrscheinlich so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß sie sich gar nicht mehr miteinander beschäftigen können. Aber das kann ja nicht ewig so weitergehen.«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Du meinst, sie schieben ihre Probleme vor sich her, statt nach einer Lösung zu suchen?« schniefte Emma.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Vielleicht. Das ist eben das einfachste. Wenn man sich ordentlich anschreit, braucht man sich nicht über das Wesentliche zu unterhalten.«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Na ja. Womöglich hast du ja recht, und es war wirklich es nur ein ganz dummer Alptraum. Hast du auch manchmal böse Träume, Paddy?« erkundigte sich Emma, während sie in ihrem Mantel nach einem Taschentuch suchte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nein, nie! Ich träume immer, daß ich Pepperoni in die hoch erhobene Nase piekse! Das ist wohl eher ein Wunschtraum, oder was meinst du?!« sagte Paddy verschmitzt.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ach, ihr zwei! Daß ihr dauernd streiten müßt!« Emma schüttelte den Kopf und lächelte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Halb so wild. Was sich frißt, das liebt sich! Eigentlich ist die kleine Zicke ganz in Ordnung. Ich kann sie bloß nicht besonders gut leiden«, verriet Paddy gelassen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Wo ist sie überhaupt abgeblieben?« Emma machte ein besorgtes Gesicht. »Ich sehe sie nicht mehr!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Die wird sich ’nen Schneekater gesucht haben, den sie ein bißchen auftauen kann!« frotzelte Paddy.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Pepperoni!« rief Emma laut in den Wald hinein. »Pepperooooni! Wo steckst du?«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Wenn du ihr unbedingt hinterherlaufen willst, dann sollten wir einfach ihrer Spur folgen«, philosophierte Paddy altklug. Emma sah zu Boden, wo sie Pepperonis Pfotenabdrücke auf der dicken Schneedecke erblickte. Die beiden folgten den kleinen Tatzenspuren bis zu einer Anhöhe, nach der sich der Weg gabelte. Der Schnee wurde immer tiefer und dichter, je weiter sie in den Wald vordrangen. Emma rief immer wieder und wieder Pepperonis Namen, doch die Katze blieb verschwunden. Als Emma ihren Schritt beschleunigte, griff Paddy ahnungsvoll nach einer ihrer Haarsträhnen. Als das Mädchen zu laufen begann, purzelte Paddy auf und ab, so daß er Mühe hatte, sich auf Emmas Schulter zu halten. Wild hüpfte er hin und her, kreuz und quer, bis ihm ganz schwindelig wurde. Die besorgte Emma lief schneller und schneller durch den Schnee. Sie bemerkte nicht, daß Paddy sich in ihrem Haar festklammerte und dabei unsanft durch die Luft geschüttelt, gerüttelt und geschleudert wurde. Wie ein kleiner Stacheltarzan in den Lianen hing der arme Paddy in Emmas dichtem Haar.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ah, endlich!« keuchte Emma, die vom Laufen ganz außer Atem war. »Da vorn, da! Da ist sie!« Sie blieb stehen und rief noch einmal laut Pepperonis Namen. Endlich wandte die Katze, deren schwarzes Fell vor Kälte einen Blaustich bekommen hatte, den beiden ihr Gesicht zu. Sie miaute einmal kurz und fing an, sich zu putzen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Na, die-hi hat ja Nerven!« hickste Paddy, der vom Durchgeschütteltwerden einen heftigen Schluckauf bekommen hatte. »Mir ist jedenfalls ganz schwi-hi-ndelig!«<span>  </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Mittlerweile brach der Tag an, und die Schneelandschaft erstrahlte bald im aufgehenden Sonnenlicht. Von Ferne hörten Emma und Paddy Pepperoni ungehalten schimpfen: </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nein, es war keine gute Idee, so früh am Morgen lustwandeln zu gehen! Keine gute Idee, nein! Die eiskalte Luft schadet meinem Teint!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich glaube eher, das vi-hi-le Parfum scha-ha-det deinem Hi-hi-rn!« sagte der hicksende Paddy vergnügt, während er in das goldgelbe Licht der aufgehenden Sonne blinzelte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Sollte ich ein Sonnenbad nehmen?« Pepperoni war auf eine erhöht gelegene Steinplattform geklettert. »Oh ja, das werde ich tun!« fügte sie hinzu und räkelte sich genüßlich, bevor sie eine sorgsam ausgesuchte Stelle der Plattform mit ihren fächerartigen Schwanzbewegungen vom frischen Schnee befreite. Noch eine letzte, wedelnde Bewegung mit dem Katzenschwanz, dann, endlich, ließ sie sich nieder. Emma lächelte amüsiert. Plötzlich ertönte ein knarrendes Geräusch über ihren Köpfen. Emma trat einen Schritt zurück und sah sich um. Oben in den Baumwipfeln bewegte sich etwas. »Vielleicht ein Vogel, der hier überwintert«, dachte Emma. Sie hielt eine Hand schützend vor die Augen, weil das grelle Sonnenlicht sie blendete. Pepperoni saß noch immer schmollend auf der frei geschaufelten Stelle unmittelbar unter einer mächtigen Blautanne, die bis in den Himmel zu ragen schien. Die Tanne ächzte und knarrte unter der Last des frischen Schnees.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Oh, nein!« rief Emma sorgenvoll aus, als sie das Unheil kommen sah. »Komm da weg, Peppi! Schnell!« Doch es war zu spät. Mit einem ohrenbetäubenden Krächzen, Knacken und Knarren der sich biegenden Äste löste sich eine gewaltige Schneemasse aus dem Wipfel des Baumes und sauste wie eine Blitzlawine auf die Erde – genau auf die Stelle, die Pepperoni mit ihrer Schwanzspitze soeben sorgsam frei gewedelt hatte. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Hi-hihi-hoppla-ha!« Paddy hielt sich den Bauch vor Freude und hickste gleich mehrmals hintereinander, als er sah, daß Pepperoni ihren Kopf aus dem weißen Haufen, der sie unter sich begraben hatte, hervorstreckte und ihn heftig schüttelte. Bei diesem tragisch-komischen Anblick konnte auch Emma das Lachen nicht unterdrücken. Während Emma und Paddy sich nun also vor Lachen bogen, schimpfte und fluchte Pepperoni lauthals vor sich hin:</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»So eine blöde Idee! Ich hätte unbesorgt weiter träumen können, aber ihr mußtet ja unbedingt mitten in der Nacht einen Spaziergang machen. Nun schaut mich an! Mein Fell! Es ist ruiiiiniert!« jammerte die durchnäßte Katze, die sich mühevoll aus der pappigen Schneemasse zu befreien versuchte.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Hihi-hi-hihihi! In dei-hei-nem früheren Le-he-ben warst du bestimmt ein bego-ho-ssener Pu-hu-del!« Paddy war außer sich vor Vergnügen. Es war ein Tagesauftakt nach seinem Geschmack!</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Nach Pepperonis kleinem Unfall machten sich die drei Frühaufsteher auf den Weg nach Hause. Dort angekommen, öffnete Emma so leise wie möglich die Haustür, denn sie nahm an, daß ihre Eltern noch schliefen. Sofort schlüpfte Pepperoni durch den Türspalt ins Haus hinein, wo sie schnurstracks unter die Kellertreppe in ihr kuscheliges Bett verschwand. Bevor Emma eintrat, lauschte sie für einen Moment ins Haus hinein. Sie hörte die Stimmen ihrer Eltern, die sich im Wohnzimmer unterhielten. Wahrscheinlich waren damit beschäftigt, miteinander zu streiten. Emma schloß die Haustür ebenso leise, wie sie sie geöffnet hatte. Dann zog sie ihren Mantel aus und horchte. Leise öffnete sie die Tür zum Treppenhaus und spähte hindurch. Die Eltern waren vollauf mit ihrem Streit beschäftigt. So bemerkten sie nicht, daß ihre Tochter die Treppe hinaufschlich. Dort setzte sich Emma auf den Absatz und ließ ihren Tränen freien Lauf. Paddy war untröstlich über den Kummer seiner Freundin. Emma schluchzte leise, als sie ihre Mutter plötzlich sagen hörte: </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Es war ein Fehler, sage ich dir! Es war ein großer Fehler! Wir hätten den Jungen behalten sollen!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Red keinen Unsinn!« schrie Emmas Vater zornig zurück. »Das hätte auch nichts geändert! Mir reicht’s! Hätte ich doch meine Heimat nie verlassen!« Elizabeth Clock brach in Tränen aus. Mit dünner Stimme erwiderte sie:</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Und was geschieht nun? Was sollen wir jetzt tun? Wirst du es Emma sagen? Sie wird wissen wollen, wieso &#8230;« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»So geht es nicht weiter! Wir müssen ihr die Wahrheit sagen!« unterbrach Titus Clock seine Frau.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Also, gut. Ich werde sie aufwecken. Früher oder später mußte es ja so kommen«, erwiderte Mrs. Clock niedergeschlagen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Mit diesen Worten öffnete Elizabeth Clock die Wohnzimmertür. Schluchzend lief sie auf der Suche nach einem Taschentuch in die Küche, um sich die Nase zu putzen. Unterdessen kauerte Emma mit dem schweigsam gewordenen Paddy auf ihrer Schulter noch immer auf dem Treppenabsatz. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Siehst du, Paddy«, sagte sie traurig, »Träume werden wahr.« Dann stand sie auf und ging zurück auf ihr Zimmer. Sie setzte Paddy in sein Sandtöpfchen, dann legte sie sich aufs Bett und grübelte. Kaum eine halbe Stunde war vergangen, da hörte Emma ihre Mutter nach ihr rufen. Sofort sprang sie auf und lief die Treppe hinab. Die Eltern warteten schon im Wohnzimmer. Schlimmes ahnend trat das Mädchen durch die Tür in den vom winterlichen Sonnenschein erleuchteten Raum. Titus Clock deutete auf einen Stuhl und gebot seiner Tochter, sich zu setzen. Als das Kind Platz genommen hatte, begann er ohne jeden Guten-Morgengruß zu sprechen:</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Mein Kind, wir müssen dir etwas mitteilen, das auch dich betrifft. Die Entscheidung ist uns sehr schwergefallen. Aber die Angelegenheit duldet keinen weiteren Aufschub, und daher ist es an der Zeit, dir die Wahrheit zu sagen. Deine Mutter und ich haben einvernehmlich beschlossen, uns für eine Weile zu trennen.« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">Emma sah erst ihren Vater, dann die Mutter entgeistert an. Elizabeth Clock blickte zu Boden. Schließlich sagte sie mit einem tiefen Seufzer:</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Emma, du mußt wissen, daß wir uns schon seit längerem nicht mehr verstehen. Wir haben diese undankbare Entscheidung immer und immer wieder vor uns hergeschoben, aber, glaube mir, meine Kleine, es ist sicher das Beste für uns alle, wenn dein Vater und ich von nun an getrennter Wege gehen. Und für dich, mein Schatz, wird sich diese Lösung auch ganz bestimmt als gut erweisen, davon sind wir überzeugt.« Emma saß wie erstarrt auf ihrem Stuhl. Nun ergriff ihr Vater das Wort: »Deine Mutter wird im Frühjahr zu einem Kongreß in die Vereinigten Staaten reisen. Ich werde sie begleiten. Vielleicht ergibt sich währenddessen die Gelegenheit zu einem Neuanfang für uns beide. Sollte aber dieser letzte Versuch ebenfalls scheitern, so werde ich von Chicago aus direkt nach Schottland fliegen. Ich werde in diesem Fall also nicht mehr nach Deutschland zurückkehren.«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Aber du kannst deinen Vater selbstverständlich jederzeit in Schottland besuchen«, ergänzte Elizabeth Clock hastig.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Habe ich etwas falsch gemacht?« fragte das Mädchen zaghaft.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nein, mein Liebling, dein Vater und ich haben, jeder für sich, einige Fehler begangen, die mit der Zeit dazu geführt haben, daß wir uns auseinandergelebt haben. Aber niemand außer uns beiden trägt dafür eine Schuld«, sagte Emmas Mutter sanft. »Es ist nun einmal geschehen. Und damit du unsere ewigen Zankereien nicht länger ertragen mußt, haben wir uns überlegt, daß dir ein Ortswechsel sicherlich sehr gut täte. Also darfst du deine Großmutter in Rumänien besuchen. Dort, in Siebenbürgen, wirst du für ein paar Monate, vielleicht sogar für ein ganzes Jahr, zur Schule gehen. Das wird sicherlich wunderbar: ein neues Land, andere Menschen – und Grandma Tallulah freut sich schon so sehr auf deinen Besuch!«</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich erinnere mich nicht an sie«, sagte Emma leise.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;"><span> </span>»Das ist nicht weiter verwunderlich. Schließlich warst du noch ein Baby, als deine Grandma dich das letzte Mal gesehen hat. Sie wird sich über das Wiedersehen mit dir ganz bestimmt sehr freuen.« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Ich muß doch hier zur Schule gehen.« Zwei winzige Tränen liefen stumm über Emmas schmale Wangen. Ihre Verzweiflung war offenkundig. Dennoch verzog sie keine Miene. Eine starre Blässe stand über Emmas Gesicht, doch hinter den geröteten Augen pulsierte dieselbe schreckliche Vorahnung, die sie in der Vergangenheit stets als einen bloßen Traum verkannt hatte. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Den Schulwechsel haben wir bereits organisiert. Es ist alles geregelt«, erklärte Titus Clock. »Du wirst ein rumänisches Internat besuchen.« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Kann ich Pepperoni mitnehmen?« fragte das verstörte Mädchen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Nein. Die Katze muß hierbleiben«, antwortete ihr Vater langsam. »Deine Großmutter besitzt irgendeinen Raubvogel, der sich ganz sicher nicht mit Katzen vertragen würde.« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="color:white;font-family:&quot;"><span style="font-size:small;">»Es geht leider wirklich nicht, Schatz. Aber deinen kleinen Kaktus, den kannst du gern mitnehmen«, ergänzte Emmas Mutter schnell. »Sieh mal, Emma, so ist es wirklich das Beste für dich«, fügte sie besänftigend hinzu.</span></span></p>
<p style="text-align:left;"><span style="font-size:12pt;color:white;font-family:&quot;">»Woher willst du das wissen?« fauchte Emma zurück. »Du bist ja sowieso nie zu Hause!« Mit diesen Worten stand sie auf und rannte aus dem Zimmer.</span></p>
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		<title>Arenga &#8211; VII. Die gefallene Göttin</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 13:39:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>terralucida</dc:creator>
				<category><![CDATA[Terra lucida - Mythenwelt]]></category>
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		<description><![CDATA[Jahrhundert um Jahrhundert ging ins Land, und noch immer gab es keinen Frieden unter den Erdbewohnern. Es war, als trachteten die Geschöpfe der Zeit nach nichts als ihrer eigenen Zerstörung. Im 18. Jahrtausend sollte die Welt das bislang schrecklichste Gefecht aller Zeitalter erleben: Es war der letzte und entscheidende der sieben Necromannischen Kriege. Die blutrünstigen [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=terralucida.wordpress.com&amp;blog=5770791&amp;post=27&amp;subd=terralucida&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Jahrhundert um Jahrhundert ging ins Land, und noch immer gab es keinen Frieden unter den Erdbewohnern. Es war, als trachteten die Geschöpfe der Zeit nach nichts als ihrer eigenen Zerstörung. Im 18. Jahrtausend sollte die Welt das bislang schrecklichste Gefecht aller Zeitalter erleben: Es war der letzte und entscheidende der sieben Necromannischen Kriege. Die blutrünstigen Schwarzzellvamypre hatten sich mit den furchterregenden Lästrygonen verbündet. Gemeinsam mit den Eryvah, ihren nächsten Verwandten unter den Vampyrvölkern, begehrten sie die Macht über alle Erdenwesen, die in diesen Zeiten die Hemisphären bewohnten. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Die Menschenkönige aber, die um den Bestand ihrer Rasse fürchten mußten, schlossen Bündnisse mit den Mutarrhavi, jenen machtvollen Halbwesen, die zwischen den Welten wandelten und dabei ihre äußere Gestalt zu verändern vermochten, und mit den Tentoriden, den Eingeweihten der alten Zaubererkasten der Nordwelt.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">In der Schlacht von Lyssos führte König Kreopander II., Sohn des Kreokrest, seine Mannen zu Felde gegen das Schattenheer des Valinterenkönigs Zargon. Mit einer List gelang es Kreopander, den Feind, der ihm an Zahl und Ausrüstung überlegen war, abzulenken. Er schleuste eine Handvoll der kühnsten Mutarrhavi ins feindliche Lager. Sie nahmen Vampyrgestalt an, so gelang es ihnen, die Leibgarde des Valinterenführers zu täuschen und seine Bewacher zu niederzuringen. Die Mutarrhavi nahmen Zargon gefangen und brachten ihn in das Labyrinth von Ambraz. Dort schmiedeten sie ihn an den Drakonischen Felsen, wo er bis zum Ende aller Tage die grausamsten Qualen erleiden sollte. Nacht für Nacht stahlen ihm die drei Sonnenschwerter von Ambraz das Augenlicht, und sein Leib wurde von ihrem goldenen Licht gespalten. Sein schwarzes Blut aber sollte auf seine offenen Wunden geträufelt werden, auf daß er die schrecklichsten Qualen erleide bis zum Morgengrauen. Mit dem ersten Lichtstrahl des anbrechenden Tages sollte sein gespaltener Leib sich zusammenfügen, auf daß er vor Hunger nach frischem Blut vergehe bis zum Anbruch der nächste Nacht, in der sein Leib aufs neue gespalten werde. Auf die beschriebene Weise möge sich das Schicksal seines Erzfeindes bis zum Tag des Jüngsten Gerichts wiederholen, befahl König Kreopander. Und so geschah es. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Der Verlust ihres Anführers zwang die valinterischen Streitkräfte in die Knie. Die Reihen der Vampyre brachen auf, die Soldaten Kreopanders schlugen ihre Feinde in die Flucht. So kam es, daß König Kreopander II., Herrscher über Arrhavien, Tangrien und Libranûr, den letzten necromannischen Krieg für sich entschied. Seine stolze Armee marschierte entlang an den Ufern des Nioh Luandor in südlicher Richtung, vorbei an dem neutralen Kenturien, dem Zwergenreich, bis hinaus über die Grenze von Valinturien, dem Heimatland aller Vampyrvölker.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Nach verlorener Schlacht flüchteten die Vampyre in die Tiefen des Erdinneren. Die Schwarzzellvamypre suchten Schutz bei den Obscurati, den direkten Abkömmlingen der Dunklen Ahnen, so erzählten es sich die Wolkenkinder. Ihre nächsten Verwandten, die Eryvah, fanden Unterschlupf im Reich der Zwergenkönigin Filgra. Vor ihrer Flucht aus den heimischen Gefilden brannten die Vampyre ihre Siedlungen nieder und vergifteten die Brunnen, so daß der Feind ein verwüstetes Land vorfand. Die Lästrygonen schließlich flüchteten in die Nebelwälder von Val Lyrithia. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Als nun das siegreiche Heer Kreopanders Valinturiens Grenze überschritt, um das Land in Besitz zu nehmen und die königlichen Banner zu hissen, bot sich den Soldaten ein schreckliches Bild: Die Vampyre hatten ein gründliches Werk verrichtet. Kein Stein lag mehr auf dem anderen, das fruchtbare Ackerland war der Feuersbrunst zum Opfer gefallen, und es lag eine gespenstische Stille über dem Land. Kreopanders Truppen waren müde und hungrig von der Reise. Das Schlimmste aber war der Mangel an Trinkwasser. Die Anhänger Zargons hatten ganze Arbeit geleistet. Valinturen glich einem Ödland. Die Heerscharen Kreopanders waren gezwungen, den Rückzug anzutreten. Auf dem Heimweg verlor der König unzählige Soldaten an den Tod. Doch waren sie nicht durch die Schwerter ihrer Feinde besiegt worden und ehrenhaft in der Schlacht gestorben. Sie starben einen unrühmlichen Tod durch Hunger, Durst und Krankheit. Als Kreopander endlich in das Land seiner Väter zurückfand, brachte er kaum die Hälfte seiner Krieger heim. Am Ende hatte sich die Schlacht von Lyssos als ein schwerer Sieg für König Kreopander erwiesen, für die Welt aber war es der verlustreichste Sieg aller Zeiten. Trotz alledem ging ein Aufatmen durch die Reihen der Menschenkinder und ihrer Verbündeten, schien es doch, als sei der lang ersehnte Friede endlich eingekehrt. Allein die Wolkenkinder spürten, daß das Schweigen der Waffen nur von kurzer Dauer sei…</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;"> </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Kreopanders Sieg zu Lyssos jährte sich viele Male, doch war das Ende des Zeitalters Kinawan, das das Zeitalter der Vergeblichkeit geheißen wurde, noch immer nicht abzusehen. Eine unheilvolle Stille hatte die Länder beider Hemisphären befallen wie die Ruhe vor einem heraufziehenden Sturm. Endlich, es war das zwölfte Jahr nach Kriegsende und die Menschenkinder feierten das Fest der Sonnenwende, da geschah es, daß die Schönste unter den Weißen Ahnen den Berg Elyadrez verließ, um sich hinab in die Zwischenwelt zu begeben. Estra-Rah-Divas Herz war in Liebe entbrannt. Doch ihre Liebe galt nicht ihresgleichen noch galt sie einem der weltlichen Götter. Aus Furcht vor dem Urteilsspruch des Rates hatte Estra-Rah-Diva ihr Geheimnis lange Zeit gehütet. Jahr um Jahr hatte sie ihr Liebesleid verborgen gehalten. Jahr um Jahr, Stunde um Stunde verleugnete sie die Stimme ihres Herzens. Zu sehr fürchtete sie die Folgen für das Große Gleichgewicht. Das Schicksal der Welt lag in ihrer Hand. Doch nun, da Estra-Rah-Diva die schrecklichen Qualen ihres Geliebten viele Jahre mitangesehen hatte, da überkam sie eine solche Sehnsucht, daß sie endlich hinabstieg in die Zwischenwelt, um den Bann zu brechen. Sie, die Schönste unter den Havatheri, wußte, daß kein Erdenwesen und kein Wolkenkind ihren Geliebten würde befreien können. Allein die Macht der allerhöchsten Gottheit konnte das Labyrinth von Ambraz durchdringen und den Sonnenschwertern Einhalt gebieten. Zu lange hatte die göttliche Estra-Rah-Diva den Schmerz ihres Geliebten in ihrem Innersten geteilt. Doch nun war es an der Zeit, ihre Furcht zu überwinden. Sie erbarmte sich und befreite Zargon, den Fürst der Valinteren, von seinem Fluch. Sein Schicksal war nun mit dem Schicksal der Welt verbunden.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Mit ihrer Furcht überwand Estra-Rah-Diva, die Göttin der unsterblichen Liebe, die unsichtbare Barriere. Als Zargon erlöst war, benetzte sie seinen geschundenen Leib mit dem heilenden Naß ihrer geweihten Tränen. Sechs Tage und sechs Nächte stand das Leben Zargons auf Messers Schneide. Am siebenten Tag schlug der stolze Fürst die Augen auf. Das dunkle Licht Rhamenorrs war in seine Augen zurückgekehrt, der Fluch von ihm genommen. Mit seinem Augenlicht kehrte auch die Kraft des Blutes in seinen Leib zurück. Kaum war dies geschehen, machte Zargon sich die Göttin Untertan, indem er sie zur Frau nahm. Sodann befahl er seiner Gemahlin, ihm den Ausweg aus dem Labyrinth zu weisen. Vor den Toren der Stadt Ambraz trennten sich ihre Wege. Zargon gab seiner göttlichen Gefährtin auf, in die himmlischen Gefilde des Dies parathellyienn zurückzukehren. Schwere Herzens nahm Estra-Rah-Diva Abschied von ihrem Gemahl. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Zurück auf dem Berg der Großen Ahnen war ihr der Zorn der Havatherenmutter gewiß: Die allwissende Athamae bemerkte sogleich, daß sich der göttliche Odem ihrer Schwester mit dem Blutstrom des dunklen Fürsten vereinigt hatte. Da es aber den Großen Schöpfern strengstens verboten war, sich mit niederen Wesen einzulassen, mußte sich Estra-Rah-Diva dem Richtspruch des Rates der Vierundzwanzig, dem sie nun nicht mehr angehörte, stellen. Zwölf Tage und zwölf Nächte saßen die dreiundzwanzig Großen Schöpfer über ihre göttliche Schwester zu Gericht. Dann fiel das Urteil: Estra-Rah-Diva hatte mit ihrem Verhalten das Große Gleichgewicht gefährdet. Daher sollte sie nicht länger dem Rat der Havatheri angehören. Sie wurde auf unbestimmte Zeit vom Berg Elyadrez verbannt und ins Exil geschickt. Und so geschah es. Die abtrünnige Göttin mußte den Dies parathellyienn verlassen und in die Zwischenwelt hinabsteigen. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Estra-Rah-Diva verließ den Berg der Großen Schöpfer und floh in die südliche Zwischenwelt Wanamarrh. Sie begab sich nach dem Lande Galadazûr. Unzählige Nächte vermischte sich der Leidgesang der Göttin mit den Stimmen des Waldes. In den unergründlichen Tiefen der Gathas-Wälder, verhallte ihr Wehklagen im Rauschen der Blätter. Bald schien es, als habe es die schönste Tochter der Zeit niemals gegeben. Viele Mondwechsel gingen ins Land. Als nun der Mond zum neunten Mal sein volles Rund über die Täler und Ebenen von Galadazûr schickte, da schob sich plötzlich ein unheilvoller Schatten vor sein Antlitz. Die Wälder von Gathas versanken in Finsternis. Als Estra-Rah-Diva zum Firmament aufsah, erkannte sie, daß der Mond sein Gesicht in Demut abwandte, denn das kommende Ereignis verlangte nicht nach dem Zeugnis des Himmels. Estra-Rah-Diva begab sich eilends zu den Ufern des Flusses Lunath-Negrow. In jener Nacht verstummten die Stimmen des Waldes, und selbst der Fluß schien seinen rauschenden Atem anzuhalten. Es war, als beuge sich sein Strom dem Gebot der Verschwiegenheit. Totenstille herrschte an den Ufern des Lunath-Negrow, als die unsterbliche Estra-Rah-Diva eine Tochter gebar. Eingehüllt in das atemlose Schweigen der tiefschwarzen Nacht schenkte die Göttin der Tochter des größten und mächtigsten Valinteren, den die Welt je gekannt hatte, das Leben. Das Blut des Untoten hatte sich mit dem Atem der Unsterblichkeit vermischt. Mit der Geburt der Valinterentochter war das Geschlecht der Mohnaliseen begründet. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Die Göttin gab ihrem Kind den Namen Elian-Rah und vertraute es der Obhut der Tentoriden an, die es großziehen sollten. Das Kind wurde auf die Insel Heliós gebracht und von der nordischen Zauberin Heligwen erzogen. Die frühe Unterweisung des Kindes in den Künsten der Magie sollte eines Tages großen Einfluß auf die Geschicke der Welt nehmen. Heligwen entstammte einem der bedeutendsten Tentoridengeschlechter des fernen Gothadien. Den gothadischen Tentoriden sagte man nach, daß ihre magischen Künste mächtig genug seien, die Weltengötter zu bezwingen.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Nach der Trennung von ihrem Kind versank Estra-Rah-Diva in Trauer und entschwand. Über den Wolken erzählte man sich, der Atem der Göttin habe sich mit den Nebelschleiern der Sümpfe von Galunath vermischt. Unter den Menschenvölkern sprach man fortan von Estra-Rah-Diva, der gefallenen Göttin, deren erhabenes Blut sich mit der Saat des Bösen vermischt hatte. Mit der Geburt der Tochter des untoten Fürsten brach ein neues Zeitalter an. Die Wolkenkinder nannten es das Zeitalter Heliógros. In der Sprache der Menschen aber hieß es: das Zeitalter der Schwarzen Sonne.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;"> </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><strong><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">ENDE ARENGA TEIL 1</span></strong></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:center;margin:0;" align="center"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;"> </span></p>
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		<title>Arenga &#8211; VI. Die Prophezeiung von Orvelyn, dem Magischen Mädchen</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 13:37:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>terralucida</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Zeitalter Kinawan erschütterten die großen Territorialkriege die nördliche Zwischenwelt, und die Menschenkinder wurden von Angst und Schrecken heimgesucht. Da beschloß die Ahnenmutter Athamae, die den Rat der Großen Ahnen dereinst ins Leben gerufen hatte, eine ihrer göttlichen Schwestern mit einer besonderen Aufgabe zu betrauen. Stellavera, die Sternenwahrerin, wurde zur Behüterin des Weißen Jugulums auserkoren, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=terralucida.wordpress.com&amp;blog=5770791&amp;post=25&amp;subd=terralucida&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Im Zeitalter Kinawan erschütterten die großen Territorialkriege die nördliche Zwischenwelt, und die Menschenkinder wurden von Angst und Schrecken heimgesucht. Da beschloß die Ahnenmutter Athamae, die den Rat der Großen Ahnen dereinst ins Leben gerufen hatte, eine ihrer göttlichen Schwestern mit einer besonderen Aufgabe zu betrauen. Stellavera, die Sternenwahrerin, wurde zur Behüterin des Weißen Jugulums auserkoren, welches das Licht »Verhamael« in sich barg. Doch das Weiße Jugulum barg nicht allein den ersten, göttlichen Lichtschein, den das Universum je geboren hatte; das Kleinod war das Behältnis einer schicksalhaften Botschaft, die als Prophezeiung lange Zeit verborgen in seinem Inneren ruhen sollte, bis, eines Morgens, Stellavera vom sterbenden Atem des Mondes geweckt wurde. Noch war die Welt in Sternenlicht getaucht und dichter Nebel lag über den Ebenen von Dies parhathellyienn, da schickte sich die göttliche Sternenwahrerin an, in die Sphären von Terra lucida einzutauchen und den Stimmen der heiligen Seelen zu lauschen. Ihr himmlischer Gesang rührte kaum an den ersten Strahlen der Morgenröte, da leuchtete das Weiße Jugulum hell auf, und Stellavera ward von einer Vision heimgesucht. In einer Zeit, da das Weltreich des Tyrannen Mordogar zerfallen war, und die großen Ursurpatoren um die Macht eiferten, wurde die Welt von erbitterten Territorialfehden verwüstet. Überall auf Erden und in den Zwischenwelten tobte ein kräftezehrender Kampf zwischen den rechtmäßigen Eigentümern der Erdteile und jenen, die das Erbe Mordogars an sich reißen wollten. Es gab der Schlachten unzählige, und doch war es ein einziger Krieg, der alle Sphären gleichermaßen erschütterte. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Infolge der Territorialkämpfe, die beide Hemisphären erfaßt hatten, waren die alten Grenzen aufgesprengt. Ungewißheit beherrschte die Nationen, uralte Bündnisse waren zerschlagen, die alten Herrscher ermordet, Vertrauen verwandelte sich in Zweifel, Uneinigkeit hatte die Königreiche verwundbar gemacht. Überall auf der Welt strebten die großen Usurpatoren nach der Macht. Man schrieb das 8. Jahrhundert im 13. Jahrtausend nach metaphorischer Zeitrechnung. Metaphoren, so wurden die Wolkenkinder von den Bewohnern von Thalamarrh genannt; sie waren nicht nur die direkten Abkömmlinge der Weißen Havatheri, sondern auch Zeugen aller Vorgänge auf der Welt. Die Metaphoren besaßen menschliche Gestalt. Doch ihr göttlicher Atem machte sie erhaben über die Schwerkraft der Erde, und so schwebten sie in den Wolken der Zwischenwelten Thalamarrh und Wanamarrh. Niemals in der Geschichte der Zeit hatte ein Wolkenkind seinen Fuß auf den Boden der Zwischenwelt gesetzt. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Zu jener Zeit geschah es, daß Stellaveras allgütiger Blick in das Zentrum des Weißen Jugulums wanderte. Dort, im tiefsten Herzen der Unendlichkeit, sah sie einen ein Stern aufleuchten. Sein Licht erstrahlte in allen Farben des Regenbogens. Beim Anblick solcher Pracht wußte die Gottgeborene, daß ihr die größte Offenbarung zuteil wurde. Stellaveras Vision kündete von Orvelyn, dem Menschenkind, das auserkoren war, zwischen den Welten zu wandeln und als erstes sterbliches Wesen heimzukehren nach Terra lucida. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Seither erzählen sich die Wolkenkinder, Orvelyn, das Menschenkind, sei auserwählt, der Zeit ihre Farbe zurückzugeben und so die Weltenordnung zu erneuern. Die Kunde von der Ankunft einer großen Erlöserin verbreitete sich über alle Erdteile. Nicht lange, da kannte jeder Bewohner der Hemisphären die Geschichte von Orvelyn, dem Magischen Mädchen.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;"> </span></p>
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		<title>Arenga &#8211; V. Mordogar und das Orakel von Volon</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 13:35:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>terralucida</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Layos von Argant kehrte als strahlender Held in die Heimat zurück. Die Kunde von seinen Heldentaten auf dem goldenen Kontinent verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und bald zogen Eroberer und Piraten aller Länder des Nordens aus, es ihm gleich zu tun und die Schätze Auroriens zu entdecken. Zahllose Schiffe verließen ihre Heimathäfen, doch wenige nur [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=terralucida.wordpress.com&amp;blog=5770791&amp;post=23&amp;subd=terralucida&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Layos von Argant kehrte als strahlender Held in die Heimat zurück. Die Kunde von seinen Heldentaten auf dem goldenen Kontinent verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und bald zogen Eroberer und Piraten aller Länder des Nordens aus, es ihm gleich zu tun und die Schätze Auroriens zu entdecken. Zahllose Schiffe verließen ihre Heimathäfen, doch wenige nur fanden den Weg in den fernen Süden. Einige mußten vor der Zeit umkehren, weil ihnen die Vorräte auszugehen drohten, andere zerschellten in der tobenden See. Die Jahre gingen ins Land, doch keiner der Weltenumsegler kehrte in die Heimat zurück. Die sagenhaften Reichtümer des aurorischen Königshauses wurden zur Legende. Immer mehr Abenteurer zogen aus, das goldene Eiland zu erobern. Die wenigen, die die Küste Auroriens erreichten, wurden von der Vedayanischen Armada vernichtet. So kam es, daß die Geschichten, die sich um das ferne Aurorien rankten, langsam zum Mythos wurden. Der Mythos aber gebar immer mehr unglaubliche Legenden um Auroriens Heiligtümer. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Nun wollte es das Schicksal, daß das Zeitalter Androchat, das als die Epoche der Weltenumsegler galt, eine Vielzahl von Kriegen über die nördlichen Kontinente brachte. Mit Anbruch des Zeitalters Bandachat im Jahre 10312 kehrte endlich Frieden ein, doch es war ein scheinheiliger Friede, dem kein Volk nördlich des Äquators trauen wollte. Die Einwohner der südlichen Hemisphäre waren es müde, ihr Land gegen immer mehr und mehr feindliche Eroberer zu verteidigen. Die Völker des Nordens aber waren führungslos. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Man schrieb das Jahr 10933, da begann der grausame Mordogar, Herrscher über Luanór, die Grenzen seines Königreiches gen Osten auszudehnen. Es brauchte nur wenige Jahre, bis er die Fürsten der Nachbarländer ausnahmslos entmachtet und sich ihre Ländereien angeeignet hatte. Mordogars Reich dehnte sich weit über das östliche Arboratien bis nach Saragoz aus. Doch sein Eroberungswille kannte keine Grenzen. Bald hatte er das gesamte Nordland unterworfen, die vereinnahmten Territorien hielt er mit seinen Truppen in Schach. Es folgte die Eroberung der südlichen Kontinente. Binnen weniger Jahre erstürmte Mordogar nahezu die gesamte südliche Hemisphäre. Die Staatsoberhäupter der besiegten Länder ließ der Tyrann gnadenlos hinrichten. Mordogar machte keine Gefangenen: Gleich, ob Sultan, König oder Großkhan, sie alle waren des Todes, sobald auf den Zinnen ihrer Burgen, Schlösser und Paläste das Banner Luarnórs wehte. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Im Jahre 11106 nannte sich Mordogar »Imperator über das vereinigte Weltreich«. Lediglich zwei Königreiche hatte er nicht unterwerfen können. Es waren das Vedayanische Reich auf der Großinsel Aurora und die kleine, aber uneinnehmbare Eisinsel Asturien nahe dem Nordpol. Während Asturien im hohen Norden hartnäckig Mordogars Belagerung standhielt, blieb die Südseeinsel Aurora unauffindbar für die Schiffe des Imperators. Alle anderen Königreiche hatte der Despot bereits unterjocht und seine Völker dem gnadenlosen Gesetz der Tyrannei unterworfen. Sein Machthunger aber, blieb unstillbar. Mordogar trachtete nach dem uralten Wissen, das dereinst von den Galaxanten zur Erde gebracht wurde. Das Wissen der Altehrwürdigen ruhte, verborgen in einer goldenen Lade, auf der verschollenen Insel Aurora, gut gehütet und streng bewacht vom Vedayanischen Volk. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Im Herbst des Jahres 113 des elften Jahrtausends begab sich der Imperator nach Arcardor, um das Volonische Trigonon zu befragen. Das Orakel bestand aus drei weisen Frauen, die aus den Wassern der drei magischen Brunnen von Volon die Zukunft lasen. Die Prophezeiung, die Mordogar dem Orakel entlockte, lautete: »Wenn du ausziehst, das Vedayanische Reich zu erobern, so wirst du Unsterblichkeit erlangen, und fünf Kontinente sollen deine Saat tragen.« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Der Imperator frohlockte, glaubte er doch, er werde die Vedayana in der Schlacht besiegen und durch die Eroberung der Großinsel Aurora Weltruhm und damit Unsterblichkeit erlangen. Mit Einnahme der Insel werde er die Vedayanische Königin bezwingen, sie gewaltsam zur Frau nehmen und mit ihr fünf Erben zeugen, die die fünf größten Kontinente in seinem Namen verwalten würden, so glaubte er. Ja, Mordogar war sich sicher, daß der Orakelspruch ein Wink der Götter sei. Mit einer Flotte von hundert Schiffen zog er gen Süden aus, das Eiland zu erobern. Ein lebhafter Wind trieb die Abenteurer vorwärts, und bald umschifften sie glücklich den Kontinent Atlanada. Von der südlichsten Spitze Atlanadas segelten sie weiter in nordöstlicher Richtung. Viele Mondwechsel gingen dahin, bis Mordogars Krieger Land sichteten. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Die Silhouette einer prachtvollen Insel, umgeben von purpurrotem Wasser, erschien am Horizont. Das fremde Eiland war zum Greifen nah, schon glaubten sich die Männer am Ziel ihrer Reise. Vom Himmel schien das bizarre Licht einer blaßgrünen Sonne hinab auf einen tiefblauen Sandstrand. Da gewahrten sie plötzlich einen wundervollen Gesang. Selbst der Gott des Himmels schien den Atem anzuhalten, so herrlich war die Melodie, die sanft über den Ozean hinschwebte. Nicht lange, da erblickten die Seefahrer die Verursacherin der engelgleichen Klänge: Auf einem Felsen hoch über dem Wasser saß die wunderbare Sängerin und entbot ihnen einen wahrhaft bezaubernden Anblick: Hoch über dem Wasserspiegel räkelte sich, nahe einer weißen Palme ruhend, die schönste Tochter des Pallas, die Weltengöttin Astrahar. Die Göttin der Liebe badete ihre milchweiße Haut im Sonnenlicht. Zu ihren Füßen kniete der Jüngling Orionos, auf seinem Schoß eine silberne Harfe, der er mit zarter Hand eine vollkommene Melodie entlockte. Orionos, dessen jungendliche Schönheit über alle Sphären hinweg gerühmt wurde, ruhte zu Füßen seiner Göttin und lauschte ihrem Gesang. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;"> </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Astrahar hatte unlängst den Götterberg Pallas verlassen, nachdem sie ihren Gatten, den Kriegsgott Wodanorr, beim Liebesspiel mit der Blutnymphe Ninivéh überrascht hatte. Aus Rache begab sich die Göttin hinab auf die Insel Heliós, der Heimat des Orionos, um die Schönheit des Jünglings zu bewundern. Wie zu erwarten, vermochte Orionos dem unvergleichlichen Charme der Astrahar nicht lange zu widerstehen. Er verliebte sich in die Schöne und schwor ihr ewigwährende Treue. Das ungleiche Paar begab sich zu einer kleinen, felsumrandeten Bucht. Astrahar lockte den unschuldigen Knaben hinauf zur höchsten Stelle des Felsenparadieses, um ihn unter freiem Himmel zu verführen. Nachdem der schönste Liebeseifer abgeklungen war, zückte der Knabe seine Harfe, um seine Angebetete mit seinem Spiel zu erfreuen. Von der Küste der Insel Heliós sandten die Liebenden ihre bezaubernde Melodie hinaus auf den Ozean. Astrahar ahnte, daß ihr Gemahl in Eifersucht entbrennen und ihr bald nacheilen werde. Tatsächlich ließ der Betrogene, angelockt von den untrüglichen Klängen der Liebe, nicht lange auf sich warten. Nun war Wodanorr nicht allein der Gott des Krieges, er war auch der Beherrscher der Winde. Ihn zu erzürnen, bedeutete Sturm zu säen. Als der zornige Wodanorr seine Gemahlin in zärtlicher Umarmung mit dem schönen Orionos sah, rief er seinen Bruder Nessodon, den Erdenerschütterer und Gebieter über alle Weltmeere, um Hilfe an. Wodanorr entfachte die Winde. Er beschwor einen heftigen Sturm, der bald zu einem Orkan anschwoll und Mordogars Schiffe zurück aufs offene Meer trieb. Sein Bruder Nessodon ließ zur selben Zeit die Erde erbeben und eine gewaltige Flut aufkommen. Die Schiffe der königlichen Flotte waren dem Wüten der Elemente hilflos ausgesetzt. Meterhohe Wellen bäumten sich vor ihnen auf, bis ihre Schiffe schließlich zerschellten. Des Tyrannen stolze Armada war zerschlagen. Lediglich fünf Schiffe überdauerten den Sturm. Mordogar selbst wurde ins Meer geschleudert und von den Fangarmen eines schrecklichen Seeungeheuers erfaßt. Sein Leib wurde mit dem Gift des Scheusals infiziert, in fünf Teile gerissen und an Land geworfen.</span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Den Jüngling Orionos ereilte ein nicht weniger grausames Schicksal. Er wurde von den erzürnten Winden des Wodanorr erfaßt, hoch in die Lüfte gewirbelt und bis auf das nahe Festland getragen. Wodanorr schleuderte seinen Rivalen in den Krater des Vulkans Shogu Albagran, in dessen Glut er unter unermeßlichen Qualen verbrannte. Die schöne Astrahar aber ließ sich von den aufgebrachten Wellen davonspülen und bis an die Küste Arrhaviens tragen. Dort ging sie an Land, und sann auf Vergeltung. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Indes waren die Überreste des Imperators an den Strand von Heliós gespült und von zwei tentoridischen Pilgern aufgefunden worden. Nachdem die Zauberkundigen den entstellten Leichnam eingehend untersucht hatten, kamen sie zu dem Schluß, daß die Fangarme eines Riesenkalmars ein lähmendes Gift in die Blutbahn des Königs gebracht haben mußten. Die Weisen nahmen eine Probe von der Haut des Unglücklichen, um den Giftstoff einer weiteren Prüfung zu unterziehen. Einer der Zauberer marschierte zum Inneren der Insel, um Kräuter und Wurzelwerk zu beschaffen, während der andere ein Feuer entzündete und das geheime Ritual vorbereitete. Als die Abendsonne sich gen Horizont neigte, trockneten die Tentoriden die Hautprobe des Verunglückten, bestrichen sie mit einem Kräutersud und warfen sie dann ins Feuer. Die Flamme loderte hoch auf und färbte sich für den Bruchteil einer Sekunde pechschwarz. Die Zauberer blickten einander entsetzt an. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">»A kata luton!« rief der Jüngere der beiden Männer voller Schrecken aus. Der Ältere starrte entgeistert in die Flamme. Nach einer kleinen Weile hatte er sich wieder gefaßt und sagte: »Es ist Haoma, das schwarze Gift!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">»Das Elixier der Unauflöslichkeit!« entfuhr es dem anderen. »Was sollen wir tun?« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">»Gar nichts können wir tun«, sagte der Ältere und schüttelte resignierend das Haupt. »Nach sieben Mondwechseln werden seine Körperteile sich vereinigen, und er wird auferstehen als ein Leib.« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">»Das Gift macht ihn zur Verkörperung der dunklen Kräfte! Wir müssen seine Auferstehung verhindern!« ereiferte sich der Jüngere. </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">»Das, mein Freund, liegt nicht in unserer Macht«, antwortete der Alte. Er rieb sich sorgenvoll den Bart. Nach kurzem Nachsinnen schien ihm ein Einfall gekommen zu sein: »Vielleicht gibt es eine einzige Möglichkeit, die Katastrophe abzuwenden. Wir wickeln seine Überreste in Leinen, tränken es mit dem Nektar der Todesliane und geben etwas Stramonium hinzu. Ja, so könnte es funktionieren! Die fünf Körperteile des Untoten lassen wir in fünf verschiedene Kontinente bringen und in geheiligter Erde vergraben. Es ist ein Experiment, doch wir sollten es wagen!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">»Einverstanden«, nickte der Jüngere, »dann ans Werk!« </span></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;"> </span></span></p>
<p style="text-align:left;"><span style="font-size:11pt;font-family:&quot;"><span style="color:#ffffff;">Im fernen Arrhavien hatte die erzürnte Göttin Astrahar ihren Racheplan geschmiedet. In der Gestalt einer prächtigen Stute näherte sie sich der verhaßten Nebenbuhlerin. Das Pferd war so anmutig, daß die Nymphe der Verlockung nicht widerstehen konnte: Sie schwang sich auf seinen Rücken, doch kaum war sie aufgesessen, ging das Tier mit ihr durch. Astrahar trug die schöne Nymphe an den Rand einer Schlangengrube und stieß sie hinein. Ninivéh wurde von tausend Natternbissen getötet. Als nun Wodanorr vom Schicksal seiner Geliebten erfuhr, brachte er die Winde gegen seine göttliche Gemahlin auf. In ihrer Not rief Astrahar ihren Vater Tarranorr um Beistand an. Der Göttervater sandte sogleich einen Blitz aus, der das streitende Paar trennte. Hernach stieg er höchstpersönlich zur Erde hinab, um den Streit zu schlichten. Der Göttervater hörte sich bedächtig an, was geschehen war. Als Astrahar und Wodanorr ihren Bericht beendet hatten, fällte er ein Urteil, das beiden gerecht wurde: Zu Ehren der schönen Ninivéh sollte eine Stadt im Zweistromland fortan ihren Namen tragen. Die arme Seele des Orionos aber sollte aus dem Höllenfeuer gerettet und als Sternbild an den Himmel entsandt werden. Und so geschah es.</span></span></p>
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		<title>Arenga &#8211; IV. Layos und die Königin</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 13:33:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>terralucida</dc:creator>
				<category><![CDATA[Terra lucida - Mythenwelt]]></category>
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		<description><![CDATA[Auf Aurora herrschten die Vedayana, Trägerinnen der äonischen Seelen. Ihr Oberhaupt, die Vedayanische Königin, bewohnte ein stattliches Domizil über den Dächern der weißen Stadt Ankh Arcador. Das Vedayanische Reich war matriarchalisch organisiert. Den männlichen Vedayanern, kurz Dayaner genannt, war es nicht gestattet, höhere Ämter zu bekleiden. Gleichwohl wurden ihre Dienste bei der Verrichtung all jener [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=terralucida.wordpress.com&amp;blog=5770791&amp;post=21&amp;subd=terralucida&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Auf Aurora herrschten die Vedayana, Trägerinnen der äonischen Seelen. Ihr Oberhaupt, die Vedayanische Königin, bewohnte ein stattliches Domizil über den Dächern der weißen Stadt Ankh Arcador. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Das Vedayanische Reich war matriarchalisch organisiert. Den männlichen Vedayanern, kurz Dayaner genannt, war es nicht gestattet, höhere Ämter zu bekleiden. Gleichwohl wurden ihre Dienste bei der Verrichtung all jener Arbeiten, die keine große Intelligenz oder Geschicklichkeit erforderten, eingesetzt und durchaus gewürdigt. Doch das war nicht immer so. Die weiblichen Bewohner Auroriens hatten die Befugnisse der Dayaner stark beschränken müssen. Verantwortlich für diese Maßnahme war vor allem die männliche Aggressivität. Nach jahrhundertelanger Erfahrung der Vedayana hatte sich herausgestellt, daß die männliche Persönlichkeit sprunghaft und unberechenbar war. Männer galten im Reich der Vedayana als unbesonnen und emotional, Vernunft oder gar Logik waren von ihnen kaum zu erwarten. Außerdem besaßen die Dayaner keinerlei Bildung (nur wenige unter ihnen konnten lesen und schreiben). Organisationstalent oder Führungsqualitäten suchte man bei ihnen ebenfalls vergeblich, was vor allem ihrer simplen Struktur zuzuschreiben war. Auch waren die Dayaner besonders wehleidig und daher wenig belastbar, weshalb ihnen die Ausbildung zum Krieger verwehrt war. Kurzum: Männer bildeten in der Vedayanischen Gesellschaft das <em>schwache</em> Geschlecht. Sie leisteten ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Leben Auroriens vornehmlich als Diener oder als einfache Arbeiter. Wenigen unter ihnen war ein angenehmeres Schicksal zugedacht: Jene, die von den Großen Ahnen mit einer besonders schönen Gestalt versehen waren, genossen ein besonderes Privileg. Sie wurden von den führenden Vedayana in sogenannte »Oasen« berufen. Die höheren Damen bedienten sich ihrer zum Zwecke der Fortpflanzung und der gelegentlichen Zerstreuung. Die in den Oasen lebenden Dayaner nannte man »Huoren« oder auch »Throsse«. Die Königin besaß eine Oase mit mehr als hundert dayanischen Gespielen. Huoren, die zu alt für die Verrichtung ihrer Dienste geworden waren, versteigerte man auf speziellen Märkten an Vedayana niederen Ranges.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Die Vedayanische Gesellschaft war eine hochentwickelte Kultur. Eine bemerkenswerte Eigenschaft der Vedayana bestand in ihrer synergistischen Denkweise. Zum Wohle ihres Staates hatte die Königin für die Weisesten unter den Vedayana spezielle Eliteschulen errichten lassen. Dort forschten und diskutierten die besten Philosophinnen, Mathematikerinnen, Astronominnen, Bauherrinnen und Medizinkundigen der gesamten Südhalbkugel. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Die Vedayana machten keine großen Worte. Was getan werden mußte, wurde sofort und effizient erledigt. Zu ihrer Zeit waren die Vedayana zweifellos die am höchsten entwickelte Kultur der Welt. Ihr umfassendes Wissen hielten sie auf Papyrusrollen fest, die in speziell zum Zwecke der Archivierung erbauten Pyramiden aufbewahrt wurden. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Der größte Stolz der Vedayanischen Königin waren ihre kostbaren Mayazener-Pferde. Lange, bevor Aurorien zu einem vergessenen Kontinent wurde, unterhielten die Vedayana rege Handelsbeziehungen zu den Völkern anderer Kontinente. So kam es, daß die Aurorischen Herrscherinnen Zuchtpferde aus aller Welt von ihren Reisen heimbrachten, mit denen sie das Geblüt der einheimischen Rasse, den aurorischen Esquitanern, auffrischten. Über viele Generationen hatte man die schönsten und wertvollsten Esquitaner mit dem Blut anderer Rassen veredelt. Die edle Kopfform und ihren hohen Schweifansatz verdankten die Mayazener dem Einfluß des arrhavischen Vollbluts; die schräge Schulter und der enorm ausgeprägte Widerrist wurden durch das euradoranische Warmblut eingebracht, das auch für den besonderen Mut, die ungewöhnliche Willensstärke und die hohe Intelligenz der Mayazener verantwortlich zeichnete. Die Mayazener-Rasse entsprach also dem veredelten Geblüt der einheimischen Esquitaner. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Unnötig zu erwähnen, daß die Vedayana seit jeher hervorragende Reiterinnen waren. Jährlich zum Fest der Mondgöttin veranstalteten sie einen großen Wettstreit, in welchem sich die besten Reiterinnen des Landes in verschiedenen Disziplinen maßen. Der Umgang mit Pfeil und Bogen lag den Vedayana im Blut. Das Bogenschießen zu Pferde erforderte hingegen eine besondere Geschicklichkeit, ebenso wie das Hindernisreiten und die Feuerdressur.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Als nun Layos von Argant nach langer Schiffsreise vor Aurorien ankerte, war er noch immer in dem Glauben, Elyandria entdeckt zu haben. Er sandte einen Botschafter mit einer kleinen Eskorte aus, den königlichen Palast zu suchen. Er trug seinen Männern auf, den Großen Schöpfern von seiner Ankunft zu berichten und gleichfalls um eine Audienz zu bitten. Doch die kleine Gesandtschaft kehrte nicht zurück. Das Warten auf die Rückkehr der Gesandtschaft brachte Unruhe auf. Hunger und Durst trieben sie schließlich an Land. Auf der Suche nach Trinkwasser und Nahrung begaben sich Layos und seinen Männer in die küstennahen Wälder, wo sie von einem Vedayanischen Spähtrupp entdeckt und gefangengenommen wurden. Layos war äußerst erstaunt, keinen einzigen männlichen Krieger unter seinen Bezwingern zu sehen. Er erklärte, daß er in friedlicher Absicht gekommen sei, um dem Herrscher der Insel seine Ehrerbietung zu erweisen. Doch die Vedayana verstanden sein Anliegen nicht, sprach er doch in einer ihnen fremden Sprache. Layos und seine Männer wurden ins Gefängnis geworfen, wo sie zwanzig Tage und zwanzig Nächte ausharrten. Endlich, es war der einundzwanzigste Tag nach ihrer Ankunft, wurde Layos als einziger aus dem Kerker geholt und in den königlichen Palast gebracht, damit er als der Anführer der Männer der Herrscherin Rede und Antwort stehe. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Die Leibgarde der Königin bestand aus den zehn mutigsten Kriegerinnen des Landes, denn obschon Aurorien seit Anbeginn der Welt nicht einen einzigen Krieg ausgefochten hatte, waren die Vedayana weise genug, jederzeit mit dem Eintreffen feindlicher Eroberer zu rechnen. Königin Irhavana war unlängst von einem Jagdausflug zurückgekehrt. Sie war guter Dinge und nun bereit, den Rädelsführer der Eindringlinge zu empfangen. Zwei ihrer Kriegerinnen brachten Layos in den Thronsaal. Wie einen Sklaven warfen sie in auf den Boden und bedeuteten ihm, sein Haupt geneigt zu halten und der Herrscherin keinesfalls in die Augen zu blicken. Die Königin ließ nach einer Gelehrten schicken, die der nordischen Sprachen mächtig war. Bis zu ihrem Eintreffen blieb Layos nichts anderes übrig als mit demutsvoll gesenktem Haupt und mit gebundenen Händen vor der Herrin zu knien. Kaum war die Übersetzerin eingetroffen, nahm sie ihren Platz an der Seite der Königin ein, worauf diese mit hoheitsvoller Stimme zu sprechen begann:</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Höre, Fremder, wir wollen uns nicht mit langer Vorrede aufhalten. Sage mir, wie du fertigbrachtest, was kein anderer vor dir vollbracht hat: Sage mir, wie hast du mein Reich entdeckt?!« Layos, der solch respektlose Behandlung nicht erwartet hatte, begann seine Antwort ohne die in seinem Land gebräuchliche, förmliche Anrede:</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Mein Name ist Layos von Argant. Vor vielen Mondwechseln brach ich auf, den Kontinent Elyandria zu suchen, um den Ventros Elyadrez zu besteigen und den Großen Ahnen meine Ehrerbietung darzubringen. Der Himmel sandte mir ein Zeichen, und so landete ich glücklich an den Ufern des fernen Kontinents. Doch sagt mir, Herrin von Elyandrien, empfangt Ihr so Eure Gäste? Meine Gefährten darben bei Wasser und Brot in euren Kerkern, und mich laßt Ihr wie einen räudigen Hund in Ketten vorführen?« </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Ein wissendes Lächeln erhellte die Züge der Königin, als die Übersetzerin geendet hatte. »Layos von Argant!« sagte sie schließlich mit einem Funken Spott in der Stimme. »Ein Mann in deiner Lage sollte seine Zunge im Zaum halten! Sage mir nun: welchem Kontinent entstammst du?« </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Layos, der einsehen mußte, daß jedweder Widerstand zwecklos war, antwortete mit ungebrochenem Stolz: »Ich stamme aus dem ruhmreichen Geschlecht der Phargonäer. Meine Heimat ist das Land Libranûr auf dem Kontinent Avalonia. Mein Volk hat große Ruhmestaten vollbracht. Himmelsleitern und großartige Tempel erbauten die Phargonäer zu Ehren der Weltengötter, große Schlachten und glanzvolle Kriege führte mein Volk im Namen des großen Wodanorr! Doch kein Menschensohn hat je der Großen Schöpfer Antlitz geschaut.« </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Solch vermessene Rede schien das Gemüt der Königin aufzurühren. Zornesröte durchfuhr ihre Wangen, als sie das Wort an sich riß: »Du rühmst dich, große Schlachten geschlagen zu haben?! Kriege, die ohne Zweifel den Tod Unschuldiger zur Folge hatten, nennst du ›glanzvoll‹? Wahrlich! Deine Geisteshaltung entspricht jener Anmaßung und Einfalt, wie nur ein Mann sie zeigen kann! Aggressoren wie deinesgleichen, Layos von Argant, werden hierzulande den Geiern zum Fraß vorgeworfen!« Mit einem Anflug von zornigem Aufbegehren erhob Layos sein Haupt. Die Königin strafte ihren Gefangenen mit einem stählernen Blick, bevor sie weitersprach: »Vier große Zeitalter hat das Vedayanische Volk überdauert, und unsere Welt ist noch immer frei von Krieg. Wir trachten nicht nach Weisheit, wir bauen keine Himmelsleitern, denn die Weisheit des Himmels wohnt in unseren Herzen!«</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»So seid Ihr eine der Glorreichen?« Layos verneigte sich tief. Er glaubte noch immer, auf Elyandrien gelandet zu sein und eine der Großen Ahnen vor sich zu haben.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Einfältiger Tor!« sagte die Königin. »Das Antlitz deiner Schöpfer wirst du auch heute nicht erblicken!« Die hohe Frau gebot ihrem Gefangenen, sich aufzurichten. »Nicht vor Elyandrien ankert dein Schiff. Du befindest dich auf dem Boden Auroras, der vergessenen Insel, und ich bin weder Weltengöttin noch Angehörige des Rates der Großen Ahnen. Du stehst vor Irhavana, Königin des Vedayanischen Volkes und Herrscherin über den goldenen Kontinent!« Layos blickte die Königin verwundert an. Dann faßte er sich und sagte: »So ist dies nicht der Kontinent der Unsterblichen?!«</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Nein!« sprach die Herrscherin. »Aurora, das goldene Eiland, ist die Heimat des Volkes der Vedayana. Weder sind wir unsterblich noch unverwundbar. Und doch wird es keinem weltlichen Feldherrn je gelingen, uns zu bezwingen. Wir sind eins mit den Elementen, eins mit der Zeit, doch nein, Unsterblichkeit ist nicht unser Geschick!« Königin Irhavana erhob sich voller Stolz von ihrem Thron. »Sprich denn, Sohn Libranûrs, was soll ich tun mit dir und deinen Gefährten? Lasse ich euch ziehen, so werden andere nach euch kommen und danach trachten, Aurora, die Goldene, zu erobern. Es wäre also nicht klug, dich gehen zu lassen. Andererseits entspricht es nicht den Gepflogenheiten meines Volkes, Gefangene zu machen. Wenn ich dir untersage, in deine Heimat zurückzukehren, wirst du mir freiwillig dienen?« Die Herrscherin sah Layos fest in die Augen. Er hielt ihrem Blick stand und sagte: </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Verzeiht, oh Königin! Nicht mein Geschick allein steht auf Messers Schneide. Meine Männer zogen aus, den Kontinent ihrer Schöpfer zu entdecken! Es sind treue Gefährten, die nicht verdient haben, als Gefangene ein glanzloses Dasein zu fristen! Daher ersuche ich Euch, hohe Herrin, wenn schon nicht mir, so schenkt wenigstens meinen Männern die Freiheit!« Die Königin bedachte sich für einen Moment. Sie war klug und erfahren genug, abzusehen, daß Layos nicht der letzte Seefahrer sein würde, der Aurorien erreichte. Kehrte er nicht in die Heimat zurück, so würden andere Schiffe aufbrechen, um nach ihm zu suchen. Früher oder später würde einer der nordischen Weltenbummler das goldene Eiland finden. Für Aurorien war die Zeit der Vergessenheit vorüber. Es galt nun, sich der Welt mit all ihren Gefahren zu öffnen und das Wissen von Generationen mit anderen Völkern zu teilen. Königin Irhavana tat einen tiefen Atemzug. Schließlich sagte sie: »Höre denn meine Entscheidung, Layos von Argant! Drei Prüfungen sollst du bestehen. Dreimal sollst du deinen Mut und dein Gottvertrauen unter Beweis stellen! Gelingt es dir, alle drei Aufgaben zu erfüllen, sollst du als freier Mann mein Reich verlassen, und mit dir deine Mannen!«</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Welche Prüfung Ihr mir auch auferlegen werdet, große Königin, ich werde sie meistern, und in das Land meiner Väter heimkehren«, erwiderte Layos schlicht.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»So lasse denn deinen Worten Taten folgen, Phargonäer!« Die Herrscherin ließ ihre Schleppe mit einer entschlossenen Bewegung durch die Luft fahren, bevor sie kehrtmachte und den gewohnten Platz auf ihrem Thron einnahm. »Erfahre nun deine erste Aufgabe: Begib dich an die Ufer des Flusses Eoh Aldabra. Dort schlage dein Lager auf, und baue ein Floß. Überquere den Strom, suche die Sümpfe von Vallejah, und bringe mir einen Korb voll mit Früchten des Adansobaumes!«</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Das ist alles?« rief Layos freudig aus. »Nun, das dürfte ein Leichtes sein!«</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Freue dich nicht vor der Zeit, Abenteurer!« gab die Königin ungerührt zurück. »Die Sümpfe werden bewacht von den schrecklichen Nictilioniden, geflügelten Ungeheuern mit Krallen und Zähnen aus Eisen. Die Nictilioniden sind fürchterliche Monstren, die die Früchte der Adansobäume nach Kräften zu verteidigen geschworen haben!<span>  </span>Wer den Eoh Aldabra zu überqueren sucht, wird von den ehernen Waffen der Bestien zerfetzt. Kein Sterblicher hat es je fertiggebracht, den Fluß an dieser Stelle zu überqueren.« </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»So will ich es dennoch wagen!« sagte Layos. Nach kurzem Bedenken fügte er hinzu: »Gewährt mir nur eine einzige Gunst, oh Königin! Auf all meinen Abenteuern habe ich stets einen magischen Stein mit mir geführt, der mein Glücksbringer ist. Lasset mir diesen Stein bringen, und ich will mich noch heute auf den Weg machen!«</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Dein Wunsch sei dir gewährt!« sprach die Herrscherin. »Drei meiner treuesten Kriegerinnen gebe ich dir zur Seite. Sie werden dich begleiten und dir den Weg zum Fluß weisen. Überqueren mußt du ihn jedoch allein! Mögen die Götter mit dir sein!« </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">In Begleitung der königlichen Eskorte begab sich Layos zu den Ufern des Flusses Eoh Aldabra. In seinem Gepäck hatte er eine Streitaxt, ein Katar und den magischen Stein, der alles Metall in seiner Nähe wie magnetisch anzog. Die Vedayanischen Kriegerinnen führten Proviant, Wasser und Takelgarn mit sich. Nach zwei Tagesmärschen hatten sie ihr Ziel erreicht. Die Vedayana gaben dem Abenteurer das Garn, das er für den Bau des Floßes benötigte und einen kleinen Vorrat an Trinkwasser und Proviant. Sodann zogen sie sich zur Jagd in die Wälder zurück und überließen Layos seinem Schicksal. Der Phargonäer eilte sich, Bäume und Gesträuch zu fällen. Aus den Stämmen und Ästen zimmerte er ein Floß samt Ruderwerk. Im Zentrum des Floßes errichtete er einen starken Mast, an dessen Spitze er den magischen Stein befestigte. Als es vollbracht war, nahm der Phargonäer all seinen Mut zusammen und ließ das Gefährt zu Wasser. Er hatte kaum die Mitte des Flusses erreicht, da drang auch schon ein ohrenbetäubendes Kreischen an sein Ohr. Sein Blick fuhr auf. Hoch in den Lüften entdeckte er die Bestien. Es waren drei an der Zahl. Schrecklicher und bedrohlicher als Layos es sich in seinen kühnsten Befürchtungen ausgemalt hatte, waren die Monstren anzusehen: Aus den garstigen Fledermausköpfen ragten Zähne lang wie Dolche, ihre spitzen Krallen glichen Messerklingen. Mit Schwingen von gigantischer Spannweite näherten sich die Monstren dem schutzlosen Wasserfahrzeug.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Die Götter mögen mir beistehen!« flehte der Abenteurer. Doch kaum hatten sich die Höllenvögel dem Floß bis auf wenige Plethrone angenähert, da schien es, als gerieten sie aus dem Gleichgewicht. Sie schlugen plötzlich wild mit den Flügeln, als wehrten sie sich gegen einen unsichtbaren Sog. Es war der magische Stein, der die schwarze Brut mit magnetischer Kraft zum Mast des Floßes zog. Der Magnet zog ihre eisernen Krallen und Zähne mit unüberwindlicher Macht zu sich heran, und kurz darauf klebten die drei Nictilioniden hilflos am Mast des kleinen Floßes. Layos stürzte sich auf die häßlichen Wesen und machte zwei von ihnen den Garaus. Das dritte Höllentier aber entwischte ihm. Im Gemenge wurde es von dem Magneten losgelöst und flog davon. Den zwei erlegten Vögeln entfernte Layos die Krallen und heftete sie als Trophäen an seinen Gürtel. Dann ruderte er zum anderen Ufer und ging an Land. Wenig später hatte er die Sümpfe erreicht. Geschwind erntete er die verbotenen Früchte. Darauf kehrte er glücklich und erleichtert zum Fluß zurück. Auf der anderen Seite erwarteten ihn, mit <span> </span>großem Erstaunen, die königlichen Kriegerinnen. Sie waren gekommen, seinen zerfetzten Leichnam aus dem Wasser zu bergen, hatten sie ihn doch tot geglaubt. Zurück im Palast war die Herrscherin höchst verwundert über Layos’ glückliche Wiederkehr. Mit Siegermiene reichte ihr der Phargonäer die begehrten Früchte. Die Königin nahm sie dankend entgegen. Dann stellte sie ihm ohne Umschweife die nächste Aufgabe: </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»So höre denn deine zweite Prüfung: Inmitten der roten Wüste, unweit des Berges Chosioz, befindet sich der Zugang zu den heiligen Quellen. Es heißt: ›wer aus diesen Quellen trinkt, wird das Geheimnis der Schöpfung gewahr‹. Die Furt zu den heiligen Wassern wird von den Ureinwohnern Auroriens Rhogeda genannt. Sie führt in ein unterirdisches Gewölbe, dessen Eingang von Xerberos, dem Höllenhund, bewacht wird. Kein Sterblicher hat es je vermocht, zu den Quellen der Erkenntnis vorzudringen. Ihr dunkler Wächter besitzt drei Köpfe, es sind die Häupter eines Hundes, einer Katze und das eines Adlers, sein Schwanz aber ist eine lebendige Schlange. Sein schwarzes Fell ist von spitzen Stacheln durchsetzt, die allesamt aus reinem Gold geschaffen sind! All jene, die ihr Glück versuchten, den Höllenhund zu überlisten, fanden den Tod. Mit dem Gift seines schuppigen Schwanzes lähmt Xerberos den Eindringling. Hernach wird sein Hals vom gräßlichen Fang des Hundehauptes niedergerungen, so daß das Opfer bewegungslos dem grausamen Tun der beiden anderen Häupter ausgeliefert sei. Mit ihren kleinen, spitzen Zähnen beginnt die Katze das Fleisch von den Knochen des Gefangenen zu nagen, während der Adlerschnabel dem Opfer erst das Augenlicht raubt und ihm dann bei lebendigem Leibe kleine Stücke aus seiner Leber herausreißt. Die Folge ist ein langsamer und äußerst qualvoller Tod. Die Weltengötter allein wissen den grausamen Wächter zu besiegen. Überliste ihn, und beschaffe mir eine Kotule des kostbaren Naß! Doch hüte dich, Layos, mich zu betrügen und mir etwa das Wasser einer anderen Quelle darzubringen! Ich verlange einen untrüglichen Beweis: Als Zeichen deines Erfolges bringe mir einen der goldenen Stachel vom Leib des Wächters. Wage es nicht, mich zu täuschen! Viele haben ihr Glück versucht. Doch keiner ist von seiner Mission heimgekehrt. Hunderte meiner besten Kriegerinnen liegen in den Tiefen des Höhlenreichs begraben. Die Luft an diesem Ort ist süß vom Gestank der Verwesung. Denn niemand vermag Xerberos, den Höllenhund, zu überwinden!« </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Als die Übersetzerin ihren Vortrag beendet hatte, sagte Layos entschlossen: </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»So mag mein Name von nun an ›Niemand‹ lauten, meine Königin! Denn ich werde der Niemand sein, der das Unmögliche vollbringt!« </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Der Phargonäer verlangte nach seinem Rucksack, den die Bediensteten der Königin sogleich von seinem Schiff holen ließen. Sodann wurde der Todgeweihte von den Vedayanischen Kriegerinnen bis an die Schwelle der Furt von Rhogeda geleitet. Nun war auf sich gestellt. Um das Zentrum des heiligen Ortes zu erreichen, mußte sich Layos in das unterirdische Höhlensystem vorwagen. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Unter der Erde war die Luft feucht und mit einem seltsam süßlichen Geruch behaftet. Der Abenteurer tastete sich mühsam vorwärts, denn auf diesem Teil des Weges war er von Finsternis umfangen. Bald hatte er einen höhlenartigen Raum erreicht, der von einem schmalen Lichtstrahl, der durch ein Loch in der steinernen Decke einfiel, spärlich erhellte wurde. Nicht lange, da entdeckte er das Ungeheuer. Es lag schlafend vor einem steinernen Tor, um seinen Hals eine Kette, die das Höllenwesen an diesen Ort zu fesseln schien. Das Tor, das Xerberos bewachte, besaß keine Tür. Es war von einem hauchdünnen Vorhang verdeckt, der, obgleich durchsichtig, keinen Blick auf die andere Seite zuließ. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Das Höllenvieh schien fest zu schlafen: Sein Brustkorb hob und senkte sich in regelmäßigem Abstand, die drei Häupter ruhten bewegungslos und mit geschlossenen Augen auf den Vorderläufen. Layos rüstete sich zum Kampf. Er nahm ein Wollknäuel, eine Phiole mit Azansalz und einen Spiegel aus seinem Gepäck. Sein Schwert zog er langsam und geräuschlos aus der Scheide und versicherte sich ein letztes Mal, daß die mitgebrachte Feldflasche fest mit seinem Gürtel verbunden war. Alsdann näherte er sich dem dämonischen Wächter. Layos nahm das Wollknäuel und warf es vor die Nase des Katzenkopfes. Als die Katze die Augen öffnete, erwachte sogleich ihr Spieltrieb. Sie schnappte nach dem Spielzeug und versuchte, es mit den Zähnen einzufangen. Da ließ Layos das Knäuel, dessen loses Ende er in seiner Hand hielt, hochschnellen und die Katze konnte nicht anders als dem Spielzeug mit ihren Augen zu folgen. Indes regte sich das schuppige Hinterteil der Bestie. Layos hielt seinen Rucksack parat, während er mit einer kühnen Bewegung vorstürmte und dem spielerisch abgelenkten Katzenkopf einen Fausthieb zwischen die Augen gab, daß es in tiefe Ohnmacht sank. Geschwind riß er dem Höllentier einen goldenen Stachel aus dem Fell, doch schon hatte sich am hinteren Ende die giftige Schlange zur Verteidigung aufbäumt. Als das Reptil wütend seine Zähne vorschnellen ließ, trafen sie nur auf den Rucksack, den Layos schützend vor seinen Leib hielt. Das lähmende Gift entlud sich an dem Gepäckstück. Layos ergriff seine Chance und stürmte an der Bestie vorbei. Kaum war er durch den Vorhang hindurchgetreten, da bot sich ihm ein wahrhaft paradiesischer Anblick: Ein Blütenmeer, dessen Farbenpracht alles bisher Gesehene überstrahlte, lag vor ihm. Inmitten dieser Pracht erblickte er die drei Wunderquellen. Geschwind zückte er seine Feldflasche und befüllte sie mit dem kostbaren Quellwasser. Die Flasche verschnürte er fest mit seinem Gürtel. Dann trat er zurück in die Höhle, aus der er soeben glücklich entkommen war. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Das höllische Katzentier war noch immer bewußtlos, doch nun regte sich der Hundekopf des Xerberos. Als Layos sich an ihm vorbeistehlen wollte, fletschte er die garstigen Fangzähne. Doch der Phargonäer war gewappnet. Wagemutig stürzte er sich auf den Hund und preßte ihm die Kiefer fest aufeinander, so daß dieser nicht zubeißen konnte. Das Vieh rollte wild mit den Augen, während sich die spitzen Zähne des Reptilienschwanzes in Layos Wade rammten. Der Schlangenbiß verfehlte jedoch seine Wirkung, denn die Zähne des Ungeheuers hatten ihr lähmendes Gift gerade erst an Layos Rücksack entleert. Gleichwohl war die Wunde äußerst schmerzhaft. Der Abenteurer biß die Zähne zusammen und träufelte dem Hundekopf das beißende Azansalz auf die empfindliche Nase. Das Vieh heulte kurz auf, bevor es in eine tiefe Ohnmacht sank. Inzwischen war das Adlerhaupt aus seinem Schlaf erwacht. Der Raubvogel stieß zum Angriff einen gellenden Schrei aus. Layos zückte den mitgebrachten Spiegel, und mit seiner reflektierenden Oberfläche fing er das Licht der Sonne auf, das aus der kleinen Öffnung hoch über seinem Kopf in die Höhle einfiel. Geschickt lenkte er den Lichtstrahl in die Augen des Widersachers und blendete ihn. Mit einem spitzen Schmerzensschrei versuchte der Adler nach dem Feind zu hacken, doch da der Vogel seines Augenlichts beraubt war, traf sein Schnabel ins Leere. Layos raubte dem ohnmächtigen Katzenhaupt eines seiner silbernen Barthaare, dann entfernte er sich von dem gespenstischen Ort. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Bald darauf erreichte er entkräftet, aber glücklich die Erdoberfläche. Das Licht der Sonne ergoß sich warm und wohlig über seine erschöpften Glieder. Die Vedayanische Eskorte geleitete den müden Abenteurer sicher zurück zum königlichen Palast. Dort wartete Königin Irhavana bereits auf Nachricht. Die Herrscherin war offenkundig sehr erstaunt über den unerwarteten Erfolg der Mission. Sie ließ ihre Leibärztin kommen, damit die Wunde, die das Höllentier Layos geschlagen hatte, versorgt werde. Ihre Bewunderung für den kühnen Phargonäer, der sich so ganz und gar von den blutleeren Männern ihres Landes unterschied, verbarg die Königin hinter einer Miene von majestätischem Gleichmut.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Wohlan, Layos von Argant«, sprach die hohe Frau, »zwei Prüfungen liegen hinter dir. Höre nun die dritte und schwerste: Wähle aus deiner Gefolgschaft drei Männer, und töte sie! Sodann sei dir die Freiheit geschenkt!« Layos ahnte nicht, daß die Regentin keinesfalls beabsichtigte, drei seiner Gefährten dem Tode zu überantworten. Königin Irhavana verfolgte ein anderes Ziel. Die letzte Aufgabe sollte die Geisteshaltung des Helden auf eine harte Probe stellen. Würde er auf seine Freiheit verzichten und sich in die lebenslange Gefangenschaft fügen, um seine Gefährten vor ihrem grausamen Schicksal zu bewahren? Oder würde er tatsächlich drei seiner Gefolgsleute opfern? </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Zunächst war Layos sichtlich entsetzt über die ihm gestellte Aufgabe. Doch bald hatte er seine Fassung wiedergewonnen. Die Züge des Weltenumseglers erstarrten zu Stein, als er das Wort an die Herrscherin richtete: »Euer Wunsch, oh Herrin, soll mir Befehl sein! Doch eine Bedingung stelle ich!«</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Sprich!« forderte die Regentin.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Jeder der drei Unglücklichen soll seine Todesart selbst wählen dürfen«, sagte Layos. Die Königin zögerte kurz, während sie überlegte, wie Layos Gesichtsausdruck zu deuten sei. Dann antwortete sie: »Nun gut! Die Bitte sei gewährt!«</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Layos wählte die drei klügsten unter seinen Kameraden aus. Es waren Godehard, Arialdus und Theonas. Mit unverändert regungsloser Miene gab Layos der königlichen Leibgarde zu verstehen, die drei Todgeweihten herbeizuholen. Ohne zu ahnen, welches Schicksal ihnen bevorstand, ließen sich die drei in den Thronsaal führen. Kaum waren sie dort eingetroffen, richtete die Königin das Wort an sie:</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Gefährten des Layos von Argant! Ihr seid des Todes! Höret nun die letzte Ansprache eures Anführers!« Alle Blicke richteten sich auf den Weltenumsegler. Der aber warf seinen Kameraden eindringliche Blicke zu, während er die Bedingungen des Urteils verkündete:</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Mein Herz ist schwer, nun, da ich euch, meinen teuren Freunde, das Todesurteil verkündigen muß: »Königin Irhavana fordert euer Ende im Austausch für die Freiheit unserer übrigen Gefährten. Doch eine letzte Gunst konnte ich der Herrscherin abringen: Jeder unter euch darf selbst bestimmen, wie er zu Tode kommen will! Wählt weise, meine Freude!«</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Theonas, der Jüngste und zugleich Klügste unter den Mannen des Layos, entschied sich als erster. Mit fester Stimme sagte er: </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Ich wähle den Gifttod! Man möge das Lippenrot meiner Gemahlin mit dem tödlichen Stoff benetzen. Von ihren süßen Lippen möchte ich den Kuß des Todes empfangen, denn meiner Gemahlin allein gebührt das Recht der Vollstreckung!« Was die Königin nicht ahnte, war, daß der schöne Theonas nicht verheiratet war. Seinen engsten Vertrauten war nicht lange verborgen geblieben, daß er der Weiblichkeit abschor. Theonas Liebe galt dem Jüngling Osastros, der in der Heimat auf seine Rückkehr wartete. Es war nun also höchst unwahrscheinlich, daß Theonas jemals seine wahre Natur verleugnen und eine <em>Frau</em> zu seiner Gemahlin machen würde. Als nächster trat Godehard vor und sagte beherzt: </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Ich will von der Hand meines leiblichen Bruders gerichtet werden. Mögen die Götter mir gnädig sein!« Ein kaum merkliches Lächeln glättete die Züge des Layos, denn er wußte, daß Godehard keinen Bruder besaß. Seine Eltern waren vor seiner Geburt gestorben. Es gab keinen Bruder, von dessen Hand er gerichtet werden konnte. Zuletzt war die Reihe an Arialdus. Hatte auch er die List, mit der sein Anführer die königliche Aufgabe zu hintergehen suchte, durchschaut? Würde auch ihm eine Lösung einfallen? Arialdus bedachte sich einige Augenblicke, bevor er mit ruhiger Stimme zu sprechen begann: </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Höret nun meinen Todeswunsch: Ich möchte an den Gebrechen des Greisenalters sterben.« </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Bei diesem Ausspruch begriff Königin Ihravana, daß sie einer Täuschung aufgesessen war. Tiefes Schweigen hatte von den Anwesenden Besitz ergriffen. Die Männer waren auf einen Zornesausbruch der Regentin gefaßt, doch nichts dergleichen geschah. Zu ihrer Verwunderung erhellte ein Anflug von wissender Genugtuung die gestrengen Züge der Herrscherin. Endlich sagte sie: »Layos von Argant! Es bedarf großen Mutes, dem Willen einer Königin zu trotzen! Doch sei versichert, Sohn Libranûrs, daß es niemals mein Bestreben war, deine Gefährten hinrichten zu lassen. Der Zweck der letzten Aufgabe bestand einzig darin, deine Gesinnung zu prüfen. Du hast dich als würdig erwiesen, meinen letzen Urteilsspruch zu hören: Du bist frei! Und mit dir deine Gefährten! So gehe hin, und berichte der Welt von Aurorien, dem vergessenen Eiland, und von seinen Schätzen. Viele werden nun aufbrechen, um in deinen Fußspuren zu wandeln, doch wehe denen, die kommen werden, um sich das Vedayanischen Volk zu unterwerfen und Auroriens Schätze zu rauben. Ihnen droht ein Schicksal grausamer als der Tod!« Die Königin ließ Layos und seine Mannen großzügig mit Gold und Juwelen beschenken. Sie überließ ihm eines der prächtigsten Schiffe ihrer Flotte und versorgte ihn reichlich mit Vorräten für die Rückreise. </span></p>
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		<title>Arenga &#8211; III. Layos von Argant</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 13:31:43 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Nachdem die Galaxanten die Erde verlassen hatten, blieb Aurora zwei volle Zeitalter verschollen, seine Schätze unentdeckt. Im Zeitalter Androchat endlich machte ein unerschrockener Abenteurer von sich reden: Layos von Argant, ein Menschensohn aus dem ruhmreichen Geschlecht der Phargonäer, zog aus, um neue Welten und unentdeckte Kontinente zu erobern.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Eines Tages, nach Zeitrechnung der Wolkenkinder schrieb man das Jahr 9003, begab sich Layos mit einer kleinen Schar seiner treuesten Anhänger auf die Suche nach dem Wohnsitz der Großen Ahnen, dem Ventros Elyadrez. Der erhabene Berg befand sich auf dem sagenumrankten Kontinent Elyandria, den noch nie ein Menschenkind betreten hatte. Layos, der Weltenumsegler, hatte schon so manch unglaubliches Abenteuer bestanden. Als er den Hafen von Velos und damit sein Heimatland Libranûr hinter sich ließ, war er guten Mutes, den göttlichen Berg zu erobern.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Das Schiff begann seine Fahrt mit gestrafften Segeln, die Elemente schienen Layos und seinen Mannen gewogen, und so dauerte es nicht lange, da erreichten sie die äußerste Spitze des Landes Vyndunaî. An diesem Punkt angelangt, gebot Layos seinen Navigatoren, den südlichsten Pol von Wanamarrh zu berechnen und diesen sogleich anzusteuern, denn dort vermutete er die Wiege der Schöpfung. Doch die Großen Ahnen beschieden ihm ein anderes Schicksal. Ultrizia, die göttliche Patronin der Elemente, brachte einen unentfliehbaren Wind gegen Layos auf, der das Schiff in seinen Bann zog und stetig gen Osten drängte. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Unzählige Mondwechsel gingen dahin, längst hatten die Seefahrer den Äquator passiert und die südliche Hemisphäre erreicht, da gerieten sie in einen heftigen Sturm. Das Schiff ächzte und bäumte sich auf im Widerstand gegen die rasende See. Sieben Tage und sieben Nächte wüteten die Elemente, am achten Tag endlich beruhigte sich das Meer, und es kehrte Stille ein. Das Schiff aber bot einen traurigen Anblick. Mit gebrochenem Fockmast und zerfetzten Bramsegeln glich es mehr einem Wrack denn einer stolzen Brigg. Zu allem Unglück war der größte Teil der Vorräte über Bord gegangen, und das Geschick der Seeleute lag nun gänzlich in der Hand der Großen Ahnen. Die Besatzung war müde vom Kampf gegen die tobenden Elemente, die Süßwasserfässer leerten sich rasch, auch Brot und Salz waren bald aufgezehrt. Schon begann der Hunger hart an der Willenskraft der Männer zu zehren, da entschied Layos, dem das Wohl seiner Gefährten über alles ging, abzudrehen und in die Heimat zurückzusegeln, falls die Götter ihm nicht ein Zeichen der Hoffnung sandten. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">In der folgenden Nacht fand Layos keinen Schlaf. Er grübelte und fragte sich, ob es tatsächlich klug sei, die Reise so kurz vor dem ersehnten Ziel abzubrechen. Endlich stand er auf und begab sich an Deck. Die Luft war kühl und klar, da blickte Layos zum Himmelszelt empor und erflehte der Götter Gnade. Plötzlich sah er ein wunderbares Licht am Nachthimmel aufgehen. Es war ein Stern, dessen blauschimmerndes Licht heller und strahlender leuchtete, als alle anderen Sterne am Firmament. Gleich einem majestätischen Leuchtfeuer pulsierte der blaue Riese am Himmelsgewölbe. Layos glaubte, den Göttern mit seinem Flehen ein Zeichen entlockt zu haben und befahl seinem Navigator, dem blauen Stern zu folgen.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Zehn weitere Tage segelte das Schiff dahin, bis von der Großmastspitze ein schicksalhafter Ruf ertönte: »Das Festland ist nah! Das Festland ist nah! Die weißen Milane! Sie segeln gen Osten!« Und tatsächlich: Als Layos seinen Blick zum Himmel aufrichtete, bemerkte er hoch über seinem Haupt drei adlergleiche Raubvögel. Majestätisch und unberührbar, wie mit der Morgenröte des Himmels verschmolzen, glitten sie dahin. Das hoheitsvolle Dreigespann bewegte sich in südwestlicher Richtung, die weißen Schwingen weit ausgebreitet, so schwebten die göttlichen Wesen hinfort. Dabei schien ihr Flügelschlag einem vorgegebenen Rhythmus zu folgen, ja, beinahe sah es aus, als folgten die edlen Tiere einem unhörbaren Lockruf. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Das Ziel ist nah!« rief Layos freudig aus. »Es ist ein Wink der Götter! Steuermann! Hoch am Wind! Folgt der himmlischen Triade!« befahl er mit entschlossener Stimme. Der Navigator korrigierte den Kurs entsprechend seinem Befehl, der Steuermann schlug das Ruder hart nach backbord und der Maat ließ die Segel dichtholen. Die Brigg ächzte wie ein gequältes Tier, bevor sie Fahrt aufnahm. Stunde um Stunde fieberten die Seefahrer ihrem Ziel entgegen. Kurz bevor die untergehende Sonne den Horizont berührte, erscholl der lang ersehnte Ruf aus dem Krähennest: »Land in Sicht!« rief der Wachtposten. »Elyandrien voraus! Gepriesen sei Panohgmios, der Gott der Reisenden! Land in Sicht!« </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">In freudiger Erregung stürmte die Besatzung an Deck. Bald darauf gab der Horizont die dunklen Umrisse des Festlands frei. Unter den erwartungsvollen Ausrufen der Männer steuerte das Schiff die Küste des Kontinents an, den sie einmütig für Elyandria hielten. So war es geschehen, daß kein anderer als der Abenteurer Layos von Argant auf der Suche nach Elyandria, dem Kontinent der Großen Ahnen, die vergessene Insel Aurora entdeckte.</span></p>
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		<title>Arenga &#8211; II. Die Entdeckung Auroriens</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 13:29:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>terralucida</dc:creator>
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		<description><![CDATA[»Den goldenen Tod« nannten die Ureinwohner Auroriens das Schicksal all jener Abenteurer, die jahrhundertelang mit ihren Schiffen den Ozean überquert und versucht hatten, sich die Insel Untertan zu machen. Doch Aurora, die Goldene, hatte allen Anstürmen zu trotzen vermocht. »Das verwunschene Atoll« ward sie dereinst gerufen, doch an Größe und Erhabenheit glich sie dem unentdeckten [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=terralucida.wordpress.com&amp;blog=5770791&amp;post=17&amp;subd=terralucida&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">»Den goldenen Tod« nannten die Ureinwohner Auroriens das Schicksal all jener Abenteurer, die jahrhundertelang mit ihren Schiffen den Ozean überquert und versucht hatten, sich die Insel Untertan zu machen. Doch Aurora, die Goldene, hatte allen Anstürmen zu trotzen vermocht. »Das verwunschene Atoll« ward sie dereinst gerufen, doch an Größe und Erhabenheit glich sie dem unentdeckten Kontinent.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Im Nordosten war ihr sandiges Herz umsäumt von der undurchdringlichen Vegetation des Dschungels, dessen östliche Begrenzung von einer langgezogenen Gebirgskette gebildet wurde. Im Südwesten schmiegte sich ein schier unendliches Steppen- und Savannenland an das rotgoldene Wüstenherz. In den südlichsten Gefilden aber, wo die Insel ihrem Schwesterkontinent am nächsten war, herrschte die Macht der Winde über bizarre Bergketten, liebliche Weintäler und endlose Sandstrände. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Aurora verdankte ihren Namen den sagenumwobenen Sandwüsten, die das Herz des vergessenen Eilands bildeten. Wie gleißendes Gold ergoß sich das Sonnenlicht über Auroriens weichen Wüstensand. Jenen, die sie liebten und ihr voller Demut begegneten, öffnete die Insel ihre wundervollen Schätze. Selbst ihr karges Wüstenherz war reich an Nahrung für all jene, die »der Goldenen« ihr Schicksal bereitwillig anvertrauten. Doch jenen, die danach trachteten, Aurorien zu erobern, ihren Willen niederzuringen und ihre unermeßlichen Schätze zu rauben, brachte die Insel nichts als »den goldenen Tod«.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Als nun die Große Göttin den Urkontinent Gajapana teilte und seine Kinder, die Erdteile Euradon und Wanado ins Meer entsandte, waren zwei voneinander unabhängige Hemisphären erschaffen: das nördliche Thalamarrh und das Südland, Wanamarrh. So geschah es, daß auch der erste Ozean, das Äonische Meer, zerfallen mußte in das nördliche Panthalassa und Wanossa, die Südsee. Als nun der erste Schöpfungszyklus beendet war, sah die Große Göttin, daß es im Inneren des Erdballs noch immer wallte und brodelte. Da ließ sie das Erdreich erbeben, die großen Erteile dehnten sich aus und zerbarsten. Auf diese Weise entstanden die Kontinente und die großen Ozeane. In dieser Phase der Schöpfung waren die auf der südlichen Hemisphäre gelegenen Erdteile Aurora und Elyandria noch eng verbunden, während das nördliche Thetania sich bereits als selbständiger Kontinent von Gajapana abgespalten hatte. Bald darauf hatten sich auch Atlanada und Archatlanada voneinander gelöst, während Aurora mit dem Kontinent der Großen Schöpfer noch immer eine fest verbundene Einheit bildete. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Doch Auroriens Erdenseele dürstete es nach Freiheit: Schwere Erdbeben und Vulkanausbrüche, gefolgt von schrecklichen Fluten, plagten das Land. Da entschied der Rat der Großen Ahnen, das goldene Eiland freizugeben. Getrennt von Elyandria, ihrer kontinentalen Schwester, trieb Aurora gen Norden ins offene Meer. Lange Zeit blieb sie verschollen, ihr Name geriet in Vergessenheit. Die Bewohner der Zwischenwelt glaubten, die goldene Insel sei im Ozean versunken, eingetaucht in die Arme der Zeit und auf ewig verschollen in den Fluten der Unendlichkeit.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Nun geschah es im Jahre 1803 nach Zeitrechnung der Wolkenkinder, daß die altehrwürdigen Galaxanten auf der Erde landeten. Sie kamen, um sich mit den Großen Schöpfern zu beraten. Nach langer Konferenz und sorgfältigem Abwägen entschieden die Unsterblichen, daß die Welt nun bereit sei für den nächsten großen Schöpfungszyklus. Mit dem Eintreffen der Galaxanten hatte das zweite große Zeitalter begonnen, das die Wolkenkinder »Gaya« tauften. Die Ehrwürdigen waren gekommen, um den Großen Ahnen die Erschaffung der weltlichen Götter aufzugeben. In einer feierlichen Zeremonie überreichten sie den Havatheri zwölf Edelsteine. Auf dem Berg Pallas, dem höchsten Gipfel der Welt im schneebedeckten Mahilaya-Gebirge wurden die zwölf magischen Steine mit dem Atem des Göttlichen beseelt. Aus diesen zwölf Steinen wurden die zwölf Weltengötter geboren, die fortan das Schicksal der Menschheit und aller anderen Sterblichen dirigieren sollten. Die Mission der Galaxanten war damit beinahe erfüllt. Vor ihrer Abreise hinterließen sie der Welt sieben große Wunder und sieben große Gebote. Die sieben Weltwunder wurden gerecht über den gesamten Erdball verteilt, so daß jeder der sieben Kontinente eines der großen Mirakel sein eigen nennen durfte. Die sieben Gebote aber wurden in Form von Klangrunen in sieben Kristalle gegossen und in eine goldene Truhe gegeben. Unter den Großen Schöpfern herrschte Einvernehmen über die Tatsache, daß die Menschen und alle anderen Erdenbewohner noch nicht bereit waren, ihre Geschicke nach einer höheren Ordnung auszurichten. Also versahen sie die goldene Lade mit einem unsichtbaren Siegel und brachten sie nach Aurora, dem vergessenen Kontinent. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;text-align:left;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Damit aber ihr kostbarer Inhalt nicht entweiht oder gar geraubt werde, sollte die Truhe von drei unsterblichen Wächtern gehütet und so lange verborgen gehalten werden, bis die Kinder aller Sphären eines Tages bereit wären, ein gemeinsames Schicksal zu teilen.</span></p>
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		<title>Arenga &#8211; I. Von der Entstehung der Welt</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 13:28:35 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal" style="margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Am Anfang war die Zeit. Sie, die gesichtslose Göttin, gebar den Ursprung allen Daseins. Als Schauplatz des Lebens wählte sie die Form einer Kugel, denn die Kugel ist das Symbol der Vollkommenheit. Als der erste Schöpfungszyklus vollbracht war, schenkte die Zeit der Weltenkugel zwei magnetische Pole: Einen Nordpol mit Namen »Thalamos« und »Wanamos«, den südlichen Pol. Fortan war alles Leben, das die Urmutter gebar und in die Welt aussandte, an den Wechsel von Schatten und Licht gebunden. Mit Schatten und Licht aber kamen Glück und Leid über alles Lebendige, und jedwede Existenz auf der Welt sollte verurteilt sein, das Glück zu suchen und das Leid zu meiden. Also erschuf die weise Göttin den Schlaf, auf daß das Leben mit allem Glück und Leid, das es mit sich brachte, Linderung erfahre, und so geschah es. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Als nun das erste Menschenkind seinen Fuß auf die Erde setzte, schenkte ihm die Große Göttin das Wort. Das Wort gebar die Frage. Die Frage, so entschied die Zeit, barg in sich eine Vielfalt, die Vielfalt wiederum erschuf eine neue Frage: Es war die Frage nach dem Sinn. Da entblößte die Zeit ihr Angesicht. Sie zeigte der Welt die Farbe des göttlichen Lichts, auf daß die Welt in Wahrheit gehüllt sei. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Die Wahrheit, Alethejah genannt, war Teil der göttlichen Prophezeiung, die sich selbst erfüllen mußte. Da aber die Urmutter all ihre Geschöpfe liebte, schenkte sie ihnen die Hoffnung. Sodann erschuf sie den Bruder des Schlafes, den großen Erlöser, und sie nannte ihn: Tod. Als nun aber die Zeit den Tod in die Welt ausgesandt hatte, auf daß er den großen Kreis schließe, begann das Leben sich selbst zu erschaffen. Und die göttliche Urmutter sah, daß es gut war. Sie verhüllte ihr Antlitz, und mit ihrem Gesicht verhüllte sie die Farbe allen Seins. Damit aber das Große Gleichgewicht auf ewig gewahrt bleibe, schenkte sie der Welt die Großen Schöpfer, vierundzwanzig an der Zahl. </span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-indent:18pt;margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Zwölf strahlende, von Licht beseelte und zwölf finstere, von Chaos beseelte Ahnen sandte sie in die Welt. Gemeinsam waren sie die Havatheri, die Hüter des Großen Gleichgewichts. Die zwölf Weißen Ahnen nannte die Urmutter: Athamae, die Ahnenmutter, Estra-Rah-Diva, die Limbische, Hathora, die aus Nebel geborene, Idyllanora, die Paradiesische, Stellavera, die Sternenwahrerin, Venetir, der Vielfältige, Chrysostomos, der Unwägbare, Diotimos, der Zweigeist, Spirogard, der Begnadete, Quietos, der Friedvolle, Theotastros, der aus Demut geborene, und Zenonnios, der Rastlose. Den zwölf Dunklen Ahnen gab sie die Namen: Leviathorr, der Ahnenvater, Nihilostromos, der Verweigerer, Rhamenorr, der Verschleierer, Thorrherrsios, der Globale, Ynfamos, der Gewissenlose, Zagreus, der Entherzte, Bromosthenia, die Imposante, Cruelifee, die Bestialische, Eleazara, die Animalische, Feritassandra, die Verführerin, Haimonea, die Wüstenfee, und Ultrizia, die Unentfliehbare.</span></p>
<p class="MsoNormal" style="margin:0;"><span style="font-size:11pt;color:white;font-family:&quot;">Als es vollbracht war, begab sich die Große Göttin zur Ruhe. Noch heute schlummert sie im Verborgenen. Unsichtbar und schweigend dirigiert sie alles Werden und Vergehen. Als Wächterin des Lebens verbirgt sich die gesichtslose Göttin im Schatten ihrer selbst.</span></p>
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